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„Wildheit ist eine Zustand völliger Aufmerksamkeit“- Gary Snider

Oh, welch ein Unglück, welch eine Verstümmelung der Liebe, als sie zu einem persönlichen, rein persönlichen Gefühl wurde, getrennt vom Auf- und Untergehen der Sonne, abgeschnitten von der magischen Verbindung zu den Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen!
Das ist es, woran wir kranken, wir bluten an den Wurzeln, denn wir sind von der Erde, der Sonne und den Sternen abgeschnitten, und die Liebe ist ein grinsendes Possenspiel, weil wir sie, die arme Blüte, von ihrem Stengel am Baum des Lebens gepflückt haben. Und wir erwarten, daß sie in unserer zivilisierten Vase auf dem Tisch weiterblüht.

D.H. Lawrence (aus »A Propos of Lady Chatterley’s Lovers«)

Über LaChapelle, Dolores:

Dolores LaChapelle (1926 – 2007) galt als eine der letzten Universalgelehrten unserer Zeit. Sie war Bergsteigerin, Kulturhistorikerin und Expertin auf dem Gebiet der Tiefenökologie. Ihre Bücher zählen zu Standardwerken in diesem Themengebiet und geben oftmals eine völlig neue Sicht auf das „ökologische Problem“ unserer Zeit und die Entwurzelung des Menschen.

Auszug aus einem Gespräch:

Kann aus so einer Sichtweise eine Art tiefenökologischer Politik entstehen?

Politik ist aus meiner Sicht eher ein Teil des Problems, anstatt die Lösung. Die grünen Parteien haben die Tiefenökologie bislang abgelehnt, weil sie im bestehenden System mitmachen wollen. Tiefenökologie scheint als Programm politisch nur sehr beschränkt möglich zu sein. Denn mit diesen Ideen ist man für die Mehrheit nicht wählbar. Wenn es also weder ein philosophischer noch ein politischer Ansatz ist, was ist es dann? Ich würde sagen: Es ist eine Art und Weise, auf die Welt zu schauen und dabei festzustellen, dass die Probleme und ihre Lösungen weit tiefer sind, als wir bislang dachten. Man kann sie nicht nur über politische Maßnahmen lösen. Denn politische Maßnahmen bedeuten immer weitgehende Kompromisse mit den bestehenden Strukturen. Machen wir die, wird sich die Lage aber weiter verschlimmern. Also muss die Weg aus der Krise anders sein als alle bisherigen Ansätze.

Welchen Weg sehen Sie dann?

Ich glaube das die Lösung in dem besteht, was wir Bioregionalismus nennen – einer radikalen Dezentralisierung. Menschliche und kulturelle Entwicklung ist gerade in den Stammesgesellschaften immer aus der Aufmerksamkeit für den Ort entstanden, an dem die Menschen lebten. Was kann das für uns heute bedeuten? Es heißt durchaus, weiter seine Steuern zu zahlen. Aber es bedeutet auch, den Zentralregierungen deutlich weniger Macht und Aufmerksamkeit zu geben. Statt dessen müssen wir für das aufmerksam werden, was unser jeweiliger Lebensort von uns braucht, um sich weiter entwickeln zu können: das Land, die Böden, die Bäume. Das wäre die Grundbedingung dafür, dass die Dinge besser werden anstatt immer schlimmer. Aber das kann man nicht im großen Maßstab von oben verordnen. Man kann das nicht nach hierarchischen Prinzipien durchsetzen, weil jeder platz verschieden ist. Deshalb ist Tiefenökologie für mich ein Ansatz, der versucht uns dabei zu helfen, endlich zu lernen, was die Bedürfnisse des Landes sind und dann entsprechend zu reagieren.

Steckt das hinter dem Slogan: ‚Lokal handeln, global denken’?

 

Dieser Slogan hat einen gewaltigen Haken. Den meisten modernen Menschen wäre die sogenannte ‚eine Welt’ am liebsten, vollkommen gleichgeschaltet und homogen. Ganz so, wie es sich die multinationalen Konzerne wünschen. Aber das wird uns nicht weiterbringen. Der Grund dafür, dass ich das so arrogant sagen kann, liegt in folgende unumstößlicher Tatsache: Menschliche Wesen sind Säugetiere. Und ein Säugetier kann nur eine tiefe Beziehung aufbauen zu etwas, mit dem es direkt konfrontiert ist. Ein Säugetier kann nicht wirklich über den Planeten reden, weil es den Planet nicht sieht. Diese schönen Slogan von der „Einen Welt“ wird nicht funktionieren. Ein Säugetier muss den Ort, über den es läuft, sehen, um sich darum zu kümmern. Die künstliche Idee, dass wir die Erde lieben müssen, ist nur ein weiteres Hirngespinst. Wir können die Erde nicht lieben. Was wir lieben können, ist unser Platz auf dieser Erde. Lebendig zu sein heißt seit dem Beginn der Menschheit, in völliger Aufmerksamkeit mit dem eigenen Platz verbunden zu sein. Dann wird das Land heilig und wir spüren die Dankbarkeit für die Fülle des Ortes, der uns am Leben hält und von dem wir ein Teil sind. „Wildheit“, sagt der Poet Gary Snyder, „ist eine Zustand völliger Aufmerksamkeit“. Das ist es, was wir brauchen!

 

Auszug aus http://www.tiefenoekologie.de/de/buecher-und-texte/politik-des-herzens/dolores-lachapelle.html

 

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