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Vom einsamen Jäger—- Ein Mythos der Inuit

Der Mythos des einsamen Jägers

Von Cordula Frei

In der Inuit-Geschichte „die Skelettfrau“  führt uns Mary Inkalat in eine Einweihung des uralt- arachaischen Liebesaktes zwischen dem Männlich-Weiblichen.

 

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Sie beginnt mit dem kollektiven Verlust und der Verdrängung des ursprünglich Weiblichen:

…..Jahre vergingen, bis sich niemand mehr daran erinnern konnte, gegen welches Gesetz das arme Mädchen verstossen hatte. Die Leute wussten nur noch, dass ihr Vater sie zur Strafe von einem Felsvorsprung ins Eismeer hinabgestossen hatte und dass sie ertrunken war.

Wenn ein junges Mädchen zur Frau wird, stösst sie biographisch unweigerlich auf den einen Augenblick der Konfrontation mit ihrem Vater, der in der einen oder andern Weise auf ihre erwachende Weiblichkeit reagiert. Wie viele von uns kennen die eisigen Kälten der emotionalen Verstossung, in denen wir uns schuldig, schlecht und anstössig fühlen für etwas, was in uns selbst so ganz unschuldig zu knospen begann. Und andere wiederum kennen die geheime Liebesbeziehung zwischen Vater und Tochter, welche die verdrängte Weiblichkeit der eigenen Mutter unbewusst zu kompensieren sucht.

….So lag sie für eine lange Zeit am Meeresboden. Die Fische nagten ihr Fleisch bis auf die Knochen ab und frassen ihre kohlenschwarzen Augen. Blicklos und fleischlos schwebte sie unter den Eisschollen, und ihr Gerippe wurde von der Strömung um- und umgedreht. Die Fischer und Jäger der Gegend hielten sich fern von dieser Bucht, denn es hiess, dass der Geist der Skelettfrau dort umginge. Doch eines Tages kam ein junger Fischer aus einer fernen Gegend hergezogen, der nichts davon wusste. Er ruderte seinen Kajak in die Bucht, warf seine Angel aus und wartete. Er ahnte ja nicht, dass der Haken seiner Angel sich sogleich in den Rippen des Skeletts verfing ! Schon fühlte er den Zug des Gewichts und dachte voll Freude bei sich: „ Oh, welch ein Glück! Jetzt habe ich einen Riesenfisch an der Angel, von dem ich mich für lange Zeit ernähren kann. Nun muss ich nicht mehr jeden Tag auf die Jagd gehen.“

Wenn sich das Männliche eine „Frau“ geangelt hat, mögen ähnliche Gefühle in Erscheinung treten. Wie kurz oft nur, diese Phase des Glücks, bis das Männliche vom blanken Entsetzen gepackt wird.

 

Artwork Carter Murdoch
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Das Skelett bäumte sich wild unter dem Wasser auf und versuchte freizukommen, aber je mehr es sich aufbäumte und wehrte, desto unentrinnbarer verstrickte es sich in der langen Angelleine des ahnungslosen Fischers. Das Boot schwankte bedrohlich im aufgewühlten Meer, fast wäre der Fischer über Bord gegangen, aber er zog mit aller Kraft an seiner Angel, er zog und liess nicht los und hievte das Skelett aus dem Meer empor. „Iii, aiii“, schrie der Mann, und sein Herz rutschte ihm in die Hose hinunter, als er sah, was dort zappelnd an seiner Leine hing. Er versetzte dem Scheusal einen Hieb mit seinem Paddel und ruderte, so schnell er es im wilden Gewässer vermochte, an das Meeresufer. Aber das Skelett hing weiterhin an seiner Angelleine, und da der Fischer seine kostbare Angel nicht loslassen wollte, folgte ihm das Skelett, wohin er auch rannte. Über das Eis und Schnee; über Erhebungen und durch Vertiefungen folgte ihm die Skelettfrau mit ihrem entsetzlich klappernden Totengebein. „Weg mit dir“, schrie der Fischer und rannte in seiner Angst geradewegs über einige frische Fische, die jemand dort zum Trocknen in die Sonne gelegt hatte. Die Skelettfrau packte ein paar dieser Fische, während sie hinter dem Mann hergeschleift wurde, und steckte sie sich in den Mund, den sie hatte lange keine Menschenspeise mehr zu sich genommen.

Kennen wir nicht auch diesen Hunger- oder haben wir ihn längst vergessen? Einen unstillbaren Hunger, wenn das ursprüngliche Weibliche aus dem Schlaf im Eismeer erwacht und wider Willen unfreiwillig an Land gezogen wurde, der einsamen Freiheit im träumenden Meeresgrund näher als diesem Mann, dessen „Herz in die Hose rutschte“ bei ihrem Anblick?

Und dann war der Fischer in seinem Iglu angekommen. In Windeseile kroch er in sein Schneehaus hinein und sank auf das Nachtlager, wo er sich keuchend und stöhnend von dem Schrecken erholte und den Göttern dankte, dass er dem Verderben noch einmal entronnen war.

 

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Im Iglu herrschte vollkommene Finsternis, und so kann man sich vorstellen, was der Fischer empfand, als er seine Öllampe anzündete und nicht weit von sich, in einer Ecke der Hütte, einen völlig durcheinander geratenen Knochenhaufen liegen sah. Ein Knie der Skelettfrau steckte in den Rippen ihres Brustkorbes, das andere Bein war um ihre Schultern verdreht, und so lag sie da, in seine Angelleine verstrickt.

Was dann über ihn kam und ihn veranlasste, die Knochen zu entwirren und alles vorsichtig an die rechte Stelle zu rücken, wusste der Fischer selbst nicht. Vielleicht lag es an der Einsamkeit der langen Nächte, und vielleicht war es auch das warme Licht seiner Öllampe, in dem der Totenkopf nicht mehr ganz so grässlich aussah- aber der Fischer empfand plötzlich Mitleid mit dem Gerippe.

Dieses Mitleid unterscheidet sich in seiner Unschuld ganz von dem oft so arroganten Ausdruck des Männlichen, welches die emotionale weibliche Komplexitiät abwertet.

In der Einsamkeit und Dunkelheit seiner eigenen Lebenshülle, seines Iglus, wurde etwas in diesem Jäger berührt, das ihn in ein Gefühl der Verantwortung und Fürsorge führte.

„Na, na, na“, murmelte er leise vor sich hin und verbrachte die halbe Nacht damit, alle Knochen der Skelettfrau behutsam zu entwirren, sie ordentlich zurechtzurücken und sie schliesslich sogar in warme Felle zu kleiden, damit sie nicht fror. Danach schlief der Gute erschöpft ein, und während er dalag und träumte, rann eine helle Träne über seine Wange. Dies aber sah die Skelettfrau und kroch heimlich an seine Seite, brachte ihren Mund an die Wange des Mannes und trank die eine Träne, die für sie wie ein Strom war, dessen Wasser und Durst eines ganzen Lebens löscht.

Zum zweiten Mal in der Geschichte nimmt die Frau Nahrung zu sich. Die erste „Menschenspeise“ in Form von den frischen Fischen vermochten ihren echten Hunger nicht zu stillen. Zutiefst in ihrem Innern sehnt sich das Weibliche nach einer Nahrung, die ihre Seele zum Leben erweckt .

Sie trank und trank, bis ihr Durst gestillt war, und dann ergriff sie das Herz des Mannes, das ebenmässig und ruhig an seiner Brust klopfte. Sie ergriff das Herz, trommelte mit ihren kalten Knochenhänden darauf und sang ein Lied dazu. „ Oh, Fleisch, Fleisch, Fleisch“, sang die Skelettfrau. „Oh, Haut, Haut, Haut“. Und je länger sie sang, desto mehr Fleisch und Haut legte sich auf ihre Knochen. Sie sang für alles, was ihr Körper brauchte, für einen dichten Haarschopf und kohlenschwarze Augen, eine gute Nase und feine Ohren, für breite Hüften, starke Hände, viele Fettpolster überall und warme, grosse Brüste.

Initiert durch die Berührbarkeit des Männlichen, in tiefster Verbundenheit mit dem männlichen Herzen erschafft sich das Weibliche neu; selbstbewusst und autonom, stark und warm und entwickelt sich von der Vatertochter zur reifen Frau.

Und als sie damit fertig war, sang sie die Kleider des Mannes von seinem Leib und kroch zu ihm unter die Decke. Sie gab ihm die mächtige Trommel seines Herzens zurück und schmiegte sich an ihn, Haut an lebendige Haut. So erwachten beide, eng umschlungen, fest aneinandergeklammert.

Die Leute sagen, dass die beiden von diesem Tag an nie Mangel leiden mussten, weil sie von den Freunden der Frau im Wasser, den Geschöpfen des Meeres, ernährt und beschützt wurden. So sagt man bei uns, und viele Leute glauben es heute noch.

Literatur:

Die Wolfsfrau von Clarissa Pinkola Estes- Heyne