tantra

Tantric stardust

 

Tantric stardust

Für die meisten von uns gehören Liebe und Sexualität unweigerlich zu einer Einheit, die tief in unserem Kultursystem verwurzelt ist. Für manchen ist deshalb Sexualität ohne Liebe ein undenkbarer Bruch eines heiligen Mythos. Andere sehen gerade in ihrer deutlichen Unterscheidung einen Weg, die reale Entmenschlichung in vielen Beziehungen zu heilen. Was aber wäre eine „von Liebe“ geführte Sexualität in individueller Freiheit und wie unterscheidet sie sich von einer emotional getriebenen Sache, die zwar im Sog der Gefühle verbindlich sein kann, das andere Wesen in seiner ursprünglichen Geschlechtlichkeit aber gar nicht zu berühren vermag?

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Oriol Angrill Jordà | art

Von Cordula Mears-Frei

Wann – und wie – erhebt sich die durch die individuelle Person gebundene – und oft auch bereicherte – sexuelle Beziehung zu einer Möglichkeit, nicht nur Liebe zu empfangen und zu schenken, sondern vielmehr Liebe in diesem Augenblick – Jetzt – neu zu erschaffen? Ganz unerwartet berührt zu werden und an ein Ufer gespült zu werden, welches grundlegend von der Begegnung zwischen Ich und Du geprägt – aber auch ganz frei davon für das jeweilige Individuum bestehend bleibt, sodass ein höheres, gemeinsames Wir einziehen möge und die trennende Schranke zwischen Objekt und Subjekt letztendlich zusammenschmilzt? Dass in einem Liebesakt, welcher das Geistige empfängt und gleichzeitig die Körperlichkeit umwandelt, indem „unsere physischen Organe zu Werkzeugen feinstofflicher Antennen werden“, wie es Jaques Luysseran formuliert hat?

Ein Weg zu den Quellen

Sexualität kann dazu der mächtigste Katalysator überhaupt sein. Wenn alle Vorstellungen und Ideen, die ich mir bisher über die sexuelle Liebe gemacht habe, plötzlich in sich zusammenfallen, wenn ich mich willentlich dazu entscheide, „mir kein Bild zu machen“, dann nähern wir uns einer andächtigen Empfindung.

Kein Bild von meinem geliebten Partner, nicht von mir selbst ? Was würde dann stattdessen in uns in Erscheinung treten? Wir würden zurückkehren  an den Ort der noch nicht manifestierten, geistigen Antriebsquelle , dort wo Sexualität noch formlose Energie ist, in einem unschuldig-reinen und vielleicht schlafenden Zustand. Stellen wir uns diese geistige Ursprungskraft in uns vor: Kein Wille, kein Begehren, kein Wünschen, kein Leid hat diesen Ort je berührt. Aus maskuliner Sicht wird diese Quelle vielleicht anders wahrgenommen als aus weiblicher – und nur ganz leise mag ein erster Impuls spürbar werden, der zu einer Handlungsintention führen könnte.

Verweilen wir noch eine Weile zunächst ohne Handlungsidee an diesem Ort und beobachten wir, wie sich diese ursprüngliche Idee von selbst manifestieren würde, wenn wir unser eigenes Fühlen und Wollen zurücknehmen.

Finde ich an diesem Ort eine eher empfangende oder eher eine zielgerichtete Haltung? Öffnet sich dadurch mein leibliches Befinden, ist es eine saugende, eine durchdringende oder eine eher Halt spendende Ausrichtung? Kann ich mich einer Ahnung davon nähern, ohne dass mein Denken meine Wahrnehmung sogleich in Begrifflichkeiten reduziert, kann ich das wesenhafte Urgesicht meiner eigenen geschlechtsgebundenen (aber auch kollektiv verankerten) Sexualität bis hin zur geistigen Urquelle fühlen?

An dieser Stelle können sich für das Weibliche oft Urbilder zeigen, die uns selbst überraschen. Das, was ich in meiner geformten Sexualität als Impuls möglicherweise in mir gespürt hatte und sogleich als irrationalen Wunsch oder Gedanken verdränge, kann sinnhaft werden: die Empfindung totaler Hingabe und Öffnung zum Beispiel, oder ein heilender empfangender Impuls, der das Männliche in sich hineinzieht. Für das Männliche könnte ein plötzlich auftretendes Gefühl von Leere oder des Sterbens im Vollzug des physischen Liebesaktes während dieser Meditation dem Bild einer großen, ewigen Ruhe weichen. Ein transpersonaler Raum mag erfahrbar werden, der jenseits der persönlichen Gefühle weniger bedrohlich, dafür stärkend und in Bezug zum Liebespartner – meinem Du – als sinnspendend  fühlbar wird.

Mit meiner Aufmerksamkeit bin ich jetzt aber noch lange nicht bei meinem biographischen Partner, ich verweile stattdessen in einer eher freilassenden Ahnung von dem, was sich durch sein bzw. ihr ursprüngliches Gesicht berühren möchte. Ich habe noch gar nicht begonnen, über Liebe, über meine Emotionen für ihn oder für sie nachzudenken, ich verspüre für einen Augenblick weder Last noch Trost von Gewohnheit. Stattdessen kann ich in meinem eigenen Befinden wahrnehmen, welche Auswirkung das stille Sein in mir selbst mit dem Ursprung der Sexualkraft mit sich bringt.

Liebe jenseits der Emotionen

Dies zu fühlen, ist der erste und letzte Schritt zu einer Sexualität, die damit aufhört, sich – was zunächst paradox klingen mag – durch Emotionen so zu begrenzen, dass Liebe kein Gehör mehr findet. Denn was ist die Emotion, im herkömmlichen Liebesakt, zwischen zwei Menschen? Wir haben uns daran gewöhnt, Emotion als Faktor der Anziehung und als Eingangstür zur Sexualität zu gebrauchen; Emotionen aller Nuancen, seien sie noch so nobler Absicht oder einfach nur in reinem Begehren begründet.

Unser Fühlen, Wollen und Denken baut sich ein Konstrukt, das Sexualität verlässlich und wiederholbar machen soll. Das Fühlen schafft Verbundenheit, Sicherheit, Trost und Wärme, also Faktoren, die durch unsere Denkprozesse laufend mit neuen Assoziationen gefüttert werden. Wir denken so viel an Sex und auch während der Sexualität begleitet dieses Denken oft jeden nächsten Schritt. Der maskuline Gedanke über Sexualität ist dabei vermutlich anders ausgeprägt als der weibliche; bei vielen Frauen ist es oft eher untergründig, wie viele Augenblicke an einem Tag sie damit verbringen, sich entweder von Sexualität abzugrenzen, sich ihr zu entziehen oder aber ganz im Gegenteil sie durch unbewusste Signale einzuladen. Was aber hat dies alles mit Liebe zu tun? Nochmals die Anfangsfrage: Wo lässt sich das Wesen der Liebe in der Sexualität finden? Und: Was ist das Wesen der Sexualität, wo möchte es mich hinführen als zutiefst menschlich impulsierende Kraft? Wozu ist sie uns gegeben, zusätzlich zum physisch gebundenen, leiblichen Zeugungs- und Begegnungsraum?

 

Darüber können wir etwas erfahren, wenn wir uns darin üben, uns dem reinen Ursprungsimpuls einer sexuellen Grundenergie so gegenüberzustellen, dass anstelle des Nachdenkens darüber eine Präsenz und Wachheit über das Geschehen tritt. Was geschähe, wenn ich mit diesem Impuls vorerst keinerlei Handlung anstreben würde, außer der, dieser Kraft rein inne zu sein?. Plötzlich sehe ich diese Kraft in ihrem wesenhaften Zustand, verstehe die Ängste und Verspannungen, die sich bis in meinen physischen Leib hineingewoben haben, verstehe meine Gier, meine Sucht nach dem Sexuellen bis hin zu pathologischen Tendenzen, sehe alles, wovor ich mein Leben lang die Augen schließen wollte, indem ich die Sexualität als solche in mein kleines persönliches Gefängnis hineinsteckte, in dem alles sicher, geborgen und nicht zuletzt auch gewohntheitsgeprägt vertraut war. Ich habe, so kann mir klarwerden, bisher aus einer großen Urkraft etwas für mein kleines Selbst isoliert und halte verzweifelt daran fest, bis ich nach dem nächsten Liebesakt, dem nächsten Höhepunkt wieder den kurzen Moment des Sterbens gefühlt habe und weiß, dass ich nicht wirklich, nicht ganz dort gewesen bin, wo ich eigentlich hatte sein wollen; ich habe nicht alles gegeben und nicht alles empfangen, denn „ich“ , mein wahres Selbst, hat vielleicht noch gar nicht begonnen, an dem Akt der Liebe teilzunehmen. Sobald ich das fühle, regt sich wieder mein Gedanke und will es wieder und wieder suchen; aber, was will „es“ suchen?

Offen bei Tageslicht

Der spirituelle Lehrer Barry Long gibt uns einige Impulse, wie in die Sexualität wieder Liebe einziehen kann. Dazu gehört erstaunlicherweise die Übung, sich ohne Emotion oder Phantasie körperlich zu lieben. Mit geöffneten Augen und bei Tageslicht, oft und ohne Ausreden. Allein diese Anweisung kann uns in größte Bedrängnis stürzen. Aber es wird noch anspruchsvoller: Die Liebespartner sollen dabei in einer beständigen Kommunikation bleiben und sich so genau wie möglich mitteilen, was ihre Körper empfinden. Dabei sollte keiner der beiden unabhängig vom andern handeln – jede neue Regung und jeder Impuls will gemeinsam beobachtet und mitbegleitet werden.

Er fordert uns dazu auf, Mut in die Sexualität zu bringen. Insbesondere den Frauen empfiehlt er: Wende Dich nicht nach außen – lass die Angst Dich nicht verhärten. „Verliebe“ Dich nicht – denn dann zieht Dich Phantasie und Emotion in ihren Bann. Barry Long lädt zu einer völlig unkonventionellen und auch schockierenden Art von Sexualität ein, die aber zum Ziel hat, die Liebe selbst in den Liebesakt zurückzuführen.

Gerade hier könnte man ihn am allermeisten missverstehen, weil er die Emotion aus der Sexualität verweist und sie stattdessen als Grund und Ursprung alles Leides, aller Verletzung und Enttäuschung betrachtet, die zwei sich liebende Menschen bereiten können.

Umformung des Astralischen

Für den aufmerksamen anthroposophischen Leser kann an dieser Stelle eine Frage auftauchen. Wenn wir die Emotion introsprektiv wahrnehmen,  ist damit keine kalte Art eines technischen Liebesaktes gemeint, sondern eher die Einladung an unser Ich bezeugend in unser physisches Handeln einzutreten. Wenn dieses Ich anstelle leibgebundener Emotionen den Raum erhält, sich dort hineinzuweben, beginnen feinstofflich ätherische Prozesse das Astralische in uns umzuformen. Wir formen das Männliche bzw. Weibliche somit in dieser Art der Liebes-Begegnung frei in eine Neues, noch Unbekanntes Wir-Empfinden um, vielleicht auch in ein allgemein Menschliches.

Wenn wir das Wesenhafte der Sexualität in uns spüren konnten und erkennen, was dieser Impuls in seiner ursprünglichen Form an uns heranträgt, wird eine Reinheit offenbar, in der Körper und Geist wie von selbst beginnen sich zu erinnern. Sexualität wird dann, merkwürdigerweise: leibfrei. Liebe beginnt in unsere Körper einzuziehen und das Selbst stirbt, einmal mehr, in seiner Ansammlung von Vorstellungen und Anhaftungen. Werden wir dadurch zügellos, ekstatisch, unkontrolliert? Es mag sein, dass die Liebe selbst sich zuweilen wie eine Urgewalt durch die fleischlichen Körper pflügt, so wie Jaques Lusseyran es in seinem Buch Bekenntnis einer Liebe so schön beschreibt:

„Liebe ist ein strömendes Durchqueren. Alles was sie am Strömen hindert ist ein Vergehen; und es gibt viele Möglichkeiten sie zu hindern. Eine davon ist Abstinenz, manchmal auch Reinheit genannt. Von welcher Unreinheit, vor welcher Befleckung möchte man sich schützen? Eine andere Möglichkeit ist zu lieben, wie man seinen Hunger stillt, nach dem essen gibt es nichts mehr zu essen. Oder es genügt, nach kaum vollzogener Liebe fortzugehen und die Tür hinter sich zuzuschlagen. Es ist jedes Mal eine Fahnenflucht. Liebe ist ein Durchqueren, eine Reise. Wir sind so geschaffen, dass uns alle Blumen und alle Steine auf dem Weg bis ins Innerste bewegen können. Wir sind geschaffen, um uns lieben zu lassen, wenn wir lieben. Nicht die Frau liebt den Mann oder der Mann die Frau – wenigstens nicht ausschließlich: Sie werden beide geliebt.“

 

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Und es ist auch – Gebet: „Wo ist es, wo bleibt das Gebet bei alledem“, so fragt Luysseran, „und wo ist die Liebe? Nach der Liebe denken wir nicht mehr an die Liebe. So einfach ist das. Wir denken an ihre Konsequenzen und noch öfter an das normale Leben, das wieder sein Recht einfordert; an das Leben ohne Liebe.“

Wenn uns Emotion,  verselbstständigte Gedanken und zielgerichteter Wille hindern an dem Durchströmt-Werden aus höherer Kraft, dann müssen wir durch innere Beobachtung herausfinden, wie diese Kräfte in uns wirksam sind. Der höhere Wille dies zu tun, kann uns nur durch die Hoffnung zuteil werden, dass eine Liebe, die größer ist als „meine Liebe“ es wert ist, sich auf den Weg zu machen.

Literatur: J. Luyesseran, Bekenntnis einer Liebe, Verlag Freies Geistesleben