Soulskin Leseprobe

Soulskin Leseprobe

kapitel 7:

 

 

Das nackte Seelengewand

 

„In der tiefsten Tiefe des Körpers trifft man auf etwas, das dem erstaunlich ähnlich ist, was man im höchsten Bewusstsein entdeckt, in den weiten Räumen auf dem äußersten Gipfel des Wesens. Aber hier entdeckt man es physisch, in den Zellen.“ – Mirra Alfassa über ihre Erfahrung mit Sri Aurobindo

 

Sie trat ein in eine neue Dimension von Zeitlosigkeit und vergaß in just diesem Moment Gott, den Fixpunkt ihrer Identität, der unerlöste Vateraspekt ihrer Kindheit, in dem sie sich Zeit ihres Lebens gehalten wusste. Der an eine Persönlichkeit gebundene Gott, der einer individuellen Existenz ein Anfang und Ende zu bereiten drohte, löste sich auf in ein Empfinden von allgegenwärtigem Kosmisches Sein. Stattdessen breitete der stolze Falke am Himmel seine Flügel über ihrem durchsichtig pulsierenden Wesen aus, welches in zarten Atemzügen die unerklärliche Wechselwirksamkeit ihres eigenen Daseins und der Verkörperung des gesamten, sie umfassenden Umraums zu fühlen begann.

 

„Du bist die offene Verkörperung einer Idee von Leben“, hörte sie Horus rufen, wenn sie steile und schmale Pfade hinauf kletterte, und sie schwindelte immer seltener, geborgen in dem sicheren Gefühl, dass sie nicht sterben würde, solange sein Blick auf ihr ruhte. „Ich beobachte dich“, flüsterte er ihr manchmal zu, und wenn sie sich umdrehte, war er schon wieder in seine unergründliche Höhen entflogen. „Ich beobachte, wie das Leben durch dich Form nimmt und ich führe dich, wenn du es willst“, würde er lachend sagen, wenn sie von ihm träumte. „Und du führst mich, denn du lehrst mich, Liebe zu empfangen“. Lange saß sie auf einer kleinen Bergwiese und betrachtete die Murmeltiere bei ihrem fröhlichen Spiel. Der Falke war viele Tage schon mit ihr geflogen und schien sie nie aus den Augen zu lassen. „Du lehrst mich Liebe zu empfangen“, hatte er gesagt. Ihr Verstand konnte diese Sätze nicht einordnen, und doch spürte sie eine Freude über ihren stillen Dialog, der sie zutiefst sättigte, so wie das frische klare Bergwasser, das sie mit ihren bloßen Händen schöpfte. Sie verließ das alte Bild des sie beschützenden Gottes immer dann, wenn sie etwas wagte, was sie nie zuvor getan hatte. Die Lebendigkeit, welche dadurch in ihrem Körper hervorsprudelte, schien auch ihrem stillen Begleiter, dem Falken, Freude zu machen, wurde er doch täglich waghalsiger in seinen Sturzflügen, mit denen er gerade zu ihr stieß, um sie dann wieder über mehrere Tage allein wandern zu lassen. Es trieb sie in einer fast atemlosen Begeisterung an die nächste Bergwand, an deren Abgrund sie nie sicher sein konnte, ohne gravierende Wunden und Verletzungen davon zu kommen, dort wo sie Schwindel packte und das Altbekannte keinen Boden bot, auf dem sie sicheren Stand finden würde. Aber, was war dieses Zuhause ohnehin jetzt, wo sie den einen, über allem erhabenen Gott vergessen hatte und in ein Spiel von Schöpfungsphänomenen eintauchte, welche das fromme Gebet an einen Lenker ihres Schicksals wie eine kindliche Gebärde aus einer anderen Welt erschienen ließ.

 

So vergaß sie allmählich auch jenen doppelgesichtigen Gefährten, der sie einst in einem friedvollen Tal im blauen Abendlicht auf diese Reise geschickt hatte, und wenn sie an ihn dachte, war sie voller Mitgefühl für das Opfer, welche der bewusste Tod ihrer Verbindung für sie beide mit sich brachte. „Du musst lernen, dein Herz abzutöten“, würde der Falke des Öfteren zu ihr sagen, wenn der alte Schmerz in ihr hochspülte, ein süßer Schmerz auch, eine Intensität von Gefühl und ein undefiniertes Sehnen. ‚Mein Herz abtöten‘, dachte sie … ‚was mehr noch würde diese Reise von ihr fordern?‘ Aber sie wusste, dass er recht hatte, und sie sah mit glasklarem Blick den tiefen Frieden, der weit in der Ferne vor ihr lag, wenn ihre Seele bereit war, diesen letzten Schritt zu tun. Wo war ihre Liebe jetzt, wo war sie geblieben? Ihre Reise wich dem inneren Getriebenseins zu einem freien Raum des Seins, der Bedeutung und Form verloren hatte. In dem sie Gott aus dem Gefängnis ihrer personalen Projektion loslöste, löste sich auch das Bild des alten Gefährten auf und verblasste allmählich in einer vagen Erinnerung an nebulöse Länder, die sie einst bewohnt hatte.

 

Der Falke blieb aufmerksam und ließ nicht zu, dass sie vorschnell Inhalte ihres Bewusstseinsraumes wegdrängte. Er forderte sie auf, tiefer und unmittelbarer in den unsicheren haltlosen Raum hineinzutauchen, wenn er sie prüfte: „Wo ist der Schmerz jetzt, wohin hast Du ihn verwandelt?“ Während sie darüber nachdachte, bemerkte sie die Stelle, wo der persönliche Schmerz über den Verlust von all dem, was sie hinter sich gelassen hatte nun immer öfter einem weichen Pulsieren Ort Raum gemacht hatte. Wie ein Ankerpunkt, der sie in das Innerste des menschlichen Wesens hineinzog, war es gleichsam – das fühlte sie immer bestimmter – auch die Stelle, an der sich der Horus andockte, um mit ihr gemeinsam den fragilen Zwischenraum von Nicht-Existenz und Schöpfung zu beatmen. Während sie lief, überfiel sie des Öftern ein süßen Vergessen aller persön-lichen Bedeutung, gleich einem Hineinfallen und Ausweiten ihrer selbst, in die Weite des geöffneten Raumes, und dennoch führte sie des Falken unsichtbare Stimme auch in die Abgründe ihres Innenlebens, von denen sie ahnte, dass sie noch lange nicht alle Täler und Klüfte bewandert hatte. Ein Traum führte sie an eine neue lichte Stelle weit unten in der Talebene. Sie erwachte und erinnerte sich bruchstückhaft an das Erleben der Nacht. Der Falke war zu ihr geflogen und hatte sich auf einen Ast gesetzt. Sie zitterte und fühlte sich von einer Erregung ergriffen, die sie weder Freude noch Bedrohung zuordnen konnte. Vor ihren Augen verwandelte sich der Falke in Menschengestalt, ähnlich wie sie es an sich selbst mit dem Wolfswesen erfahren hatte. Als würde er eine Maske langsam und achtungsvoll von seinem Antlitz ziehen trat er langsam auf sie zu. „Ich werde dich jetzt küssen“, sagte er. Es klang so, als würde er sagen: „Ich werde dich töten.“ Noch langsamer trat er an sie heran und seine Augen bohrten sich tief in ihre Seele, sie fühlte seinen Mund, seine Lippen, die sich ihr näherten und zu einer untrennbaren Nahtstelle mit ihrem Mund wurden. In dem Augenblick begann sie sich aufzulösen und in die Weite des Universums hinauszu-fallen. Es drehte sich, gleich des Fallschwindels, den sie so gut kannte, und er schien zu sagen: „Ich halte dich. Bist du bereit, zu sterben?“ Und sie ließ sich fallen in diese wundersame, atemberaubende Kraft, die sie hielt. Mit diesem einen Kuss nur und bei vollem Bewusstsein bezeugte sie ihr eigenes Sterben, ein ekstatisches Auflösen und Hineinfallen in den Urgrund alles Seins. Verschmolzen mit ihm, der kein Gegenüber mehr war, schien sie durch entfernte Galaxien zu schweben, Sternenstaub pulsierend in schwarze Löcher hineinzufallen und wieder neues Leben zu erschaffen, und sie hörte seine Stimme: „Willst du?“ Sie fiel in noch tiefere Hingabe und spürte den Willen, der alles bewegte, aus dem sie selbst einmal geformt wurde und der nun offen und unschuldig, ohne persönliche Motivation, im Weltall verborgen lag und auf ihren Schrei wartete, ihr Bekenntnis: „Ja, ich will.“ Sein Kuss wurde intensiver und saugte alles auf, was noch Fleisch, Muskel, Sehnen und Knochen von ihr war, und er sagte: „Dann wird dies hier, nie wieder enden, nie wieder aufhören.“ Als sie aufwachte, berührte sie ihre Lippe und es war ihr, als wäre etwas besiegelt, von dem sie noch nicht wusste, was es sein konnte.

 

Sie vergaß den Traum während des Tages, aber fühlte diese eigentümliche Präsenz, die sie tatsächlich fortan nie wieder verlassen würde in ihrem Innersten, dort an der Stelle, wo sie bereit war, sich der Haltlosigkeit jenseits einer geformten Identität immer neu anzuvertrauen. Der Druck ihrer Vergangenheit wich, und ihr Bewusstsein dehnte sich über das Bekannte hinaus in einen Raum, der so viel größer war als ihre personal gebundene Identität. Manchmal fragte sie sich in den sternenklaren Nächten, ob sie sich selbst jemals würde wiederfinden können, in dem, was ihr Eigen war und zugleich nie gehörte. Was für eine Spannung, in diesem Feld von Einzigartigkeit und Fähigkeit, zugleich dasjenige freilassend, dessen Bedeutung im daran haftenden Festhalten nicht w-äre. Wer, um Gottes willen war sie geworden, wer war sie Werdens? Würde dieses Werden jemals aufhören? Und statt auf Gott zu hören, begann sie nun ihre Instinkte zu schärfen und ihrem neuen Selbst zu vertrauen.

Sie beobachtete erstaunt die Verwandlung, die sich in ihrem Körper vollzog. Die Zellen begannen zu summen und vibrieren, ihr Blut rauschte und sprudelte in einer feinen Intensität, die sich anfühlte, als wäre ihr Körper vom innersten Raum her mit goldenem Licht gefüllt, welches in Regenbogenfarben nach Außen pulsierte. Sie begann das Wesen, welches sich in Form gebildet hatten, als ein Gebilde von Farben und Wirbeln zu entdecken, welche aus sich heraus bewegend, tanzend und oft lange ruhend, nach neuen Ordnungen suchte. In gleicher Weise schaute sie sich selbst in dem Raum ihrer Psyche, dort wo sich Strukturgebilde geformt hatten die sie in der anderen Welt, im drüben bei den Menschen als Navigation gebraucht hatte. Hier direkt unter ihrer Haut begegnete sie den Stimmen ihres früheren Alltags, und überraschend begannen auch Stimmen aufzutauchen, welche Räume aufstießen für das vollkommen Unbekannte, gesprochen aus einer Quelle deren Ursprung sie Nichts Vorhergegangenem zuordnen konnte.

Es waren nicht mehr die treibenden Kräfte, die sie gejagt und in die Enge getrieben hatten, dennoch war ihre Botschaft nicht minder prägnant. Gestaltungswille entsprang ihres Herzens Frieden, und in einer hilflosen G-este von Erbarmen entschloss sie sich, in den verworrenen Linien ihrer alten Seelenanteile nun Ordnung zu schaffen. Sie kehrte gerne an die kleine Lichtung zurück, welche sich am Fuß eines Felsvorsprunges befand, aus dem ein Wasserfall toste. Sie liebte es, ihren Rücken an das warme Gestein zu lehnen und der Vibration des Wassers zu lauschen. Dort saß sie viele Tage und ruhte sich aus, wurde sanfter. In dieser Geklärtheit beobachtet sie die Mäander, welche sich wie Edelsteine im Urgestein in ihre Seele hineingegraben hatten. Die Auflösung der Muster, die hinter ihr lagen und im Grund ihrer Seele teils funkelnd, teils bedrohlich schwarzrot leuchteten, würde nicht in einer ‚Abtrennung‘ ins Unterbewusste geschehen. Sie spürte mit unzweifelhafter Gewissheit, dass jegliche Trennung und jedes Verschließen des aufgebrochenen Herzens zu einer neuen Form und zu neuen Strukturen der Verhärtung führen würde. Sie war der Liebe jetzt hilflos ausgeliefert und kapitulierte in allen Versuchen ihrer Psyche, sich von vermeintlichen Verletzungen in Schuld oder Unschuld freizustrampeln, die sich in ihr Fleisch gegraben hatte. „Du musst es wagen, wehrlos zu bleiben“, würde ihr der Falke in den folgenden Träumen sagen. „Baue keinen neuen Schutz auf zwischen dir und deiner Welt. Ich brauche dich so, wie ein Stern das Dunkel des Universums erleuchtet. Verschließe dich nicht. Bleibe in dem Strahlen des Herzens vollkommen frei und offen, egal was du siehst, unbeeindruckt von dem, was dir aus deinem Innenraum entgegentritt.“

Sie verstand, was er meinte. Wie oft war die Gewohnheit der menschlichen Natur eine erste Reaktion von Abwehr gegenüber dem Unbekannten, welches zu jeder Sekunde des Tages darauf wartete, sich in uns, dem menschlichen Wesen zu verkörpern. Die Türe würde sich schließen, für diese mysteriöse Durchdringung eines drängenden Liebeswillen, der frei bleiben wollte von den erstorbenen Verhärtungen des Gewordenen. Wie schnell wurde so freier Gestaltungswille zu einem manipulierenden Eingreifen und Kontrollieren von Lebensimpulsen, die in ihrer Frische und Schönheit zurückschnellten und erloschen. Stattdessen blieb sie mit der sanften, pulsierenden Stelle in ihrem Herz ganz nah bei den Äußerungen der inneren Gebilde und atmete sie sanft und milde durch ihren Körper hindurch, eine transformierende Integration aller biografischen Phänomene, die sich in einer eigen-willigen und wundersamen Mixtur zum Wesen ihrer selbst zusammengefügt hatten. Sie war voller Liebe diesem alten Selbst gegenüber und dennoch gleichmütig, als wäre es eine Schwester, ein Doppelwesen, das ihr bekannt war, aber in eigentümlicher Weise hohl erschien und ohne inneres Leuchten. Und so kam eine neue Kraft an diesem einen Morgen, frisch und leicht.

Sie stellte sich ihr als Stimme der Erkenntnis vor: „In der Erkenntnis von Dein und Mein, und einem bewussten Begreifen der Muster, die dich prägten und die sich noch immer automatisch in dir fortsetzen, wirst du frei. Die Heilung besteht darin, die Anteile in dir anzuschauen und zu verstehen, welche die Bindungen noch suchen und brauchen. Noch bist du nicht ganz frei. Wir werden dich noch eine Weile hier bei uns behalten, in der Anderswelt. Würdest du schon heute zurückkehren, wäre eine vorschnelle Verdichtung dein Los. Du hast die äußeren Prüfungen bestanden. Nun aber, tritt die Liebe in deinen Raum, gewähre dem Einlass, was sie dir sagen wird und schau, was geschieht. Es wird jetzt leichter, für dich, aber vielleicht gerade deshalb auch schwerer. Es gibt keinen Kampf mehr auszufechten. Die Liebe zu empfangen und ihr zuzuhören, ist das Einzige, was du nun tun kannst, um dem neuen Seelenkleid Form und Struktur zu weben.“

Die Erkenntnis lächelte für einen Moment und hauchte ihr wunderbar frische Luft in das Herz. „Und du wirst selbstverständlich verstehen, dass die Frage nach Mein und Dein nicht länger existiert. Höre dir selbst eine Weile zu. Höre dem Stoff zu, aus dem du erschaffen bist. Lerne ihn kennen. Und …“, wieder dieses Lächeln, dieser kühlende Windhauch: „Lass es los. Gib den Inhalten deines Bewusstseins nicht all zu viel Bedeutung. Aber höre hin … lass es seinen Ausdruck finden.“ Etwas unbeholfen richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre Seele und versuchte der Aufforderung nach zu kommen.

Als Erstes begegnete sie einer altbekannten trotzigen Emotion, welche die Liebe wie eine morastige Schlacke aus der Tiefe ihrer Seele hervorhob. Wie ein Quälgeist schien dieses Wesen vor sich hin zu stampfen. Vorsichtig trat sie näher und versuchte zu hören, was sie vor sich hinmurmelte. „Ich will recht haben. Ich will im Recht bleiben“, schrie das kleine ungestüme Wesen. „Ich komme schon so lange zu kurz. Immer sind die Bedürfnisse anderer wichtiger. Diese Welt da draußen ist so hart und so groß. Sie braucht jemand, der sie beschützt und mich umsorgt. Wie kann sie hier in dieser Wildnis herumirren und alles vergessen, was ich in Sorgfalt und harter Arbeit aufgebaut habe. Beziehung, Partnerschaft, Ehe, diese Orte von Verlässlichkeit wo sie Schutz findet, wo ich Nahrung erhalte, indem der Andere sich um sie kümmert, Verantwortung für sie trägt, wo ich bestimme, denn ich weiß, was sie braucht, um sicher und geborgen zu sein, ich weiß, was jede Frau benötigt und immer, zu allen Menschenzeiten, benötigt hat.“ Oh, sie kannte diese Stimme, sie erkannte sie sofort wieder. Wie oft hatte sie zu ihr gesprochen und sie bis in ihre Träume verfolgt? Sie fühlte die Sorge, die Angst, dass sie als Mutter, als Frau, alleine in der Welt, die sie hinter sich gelassen hatte, nicht überleben könnte. Fast hatte sie diesen wütenden Quälgeist lieb, wenn sie auch versucht war, ihn zu schelten dafür, dass er sie und ihre Mitmenschen so lange in Schach gehalten hatte. Wie viel Selbstmitleid schwang in diesen Worten und ohnmächtige Bedürftigkeit. Liebevoll nahm sie den kleinen Querulanten an ihre Hand und zeigte ihm das Wunder der Natur, welches sie umgab. Lange saß sie und ließ diesen inneren Anteil fühlen, wie tiefe Nahrung in sie strömte aus dem freien Himmel, der sich über sie spannte und der Verbundenheit zur Erde, welche gleich eines ihr ungetrennten Wesens in allen Farben leuchtete und flimmerte. „Ich, ich … liebe diese Erde so sehr“, seufzte der kleine Anteil. „Du bist nicht getrennt von ihr. Der gleiche Ursprung, dieselbe Kraft strömt durch den einen ungetrennten Körper“, wollte sie antworten, doch sie erinnerte sich an die Aufforderung der Stimme der Erkenntnis, einfach nur zuzuhören, und so ließ sie sich noch etwas tiefer entspannen und in ihre Seele hineinsinken. Es wurde leiser und eine zarte Vibration von Angst und Herzklopfen breitete sich in ihrem ganzen Körper aus.

Fast konnte sie bildhaft dem Entstehen einer neuen Form zuschauen, die sich in ihrem Innern zeigen wollte: „Angst …“, flüsterte das zarte Wesen. „Ich fürchte mich. Meine größte Angst ist, dass sie nicht über genügend Kraft verfügt, dass eine Existenz gesichert ist. Meine Existenzangst richtet sich auf einem System, dass ich nicht durchblicke und nicht verstehe. Ich sehe die Welt aus der sie kommt als sehr hart und berechnend. Ich … ich bin nicht geschaffen für eine solche Welt. Ich bin zu dünn-häutig.“ Wage erinnerte sie sich an diese vielen Dinge in der Anderswelt, aus der sie kam, die Regeln, die man zu befolgen hatte, und sie verspürte diesen ungeheuerlichen Druck, dem Allen nicht gerecht zu werden. Sie beobachtete, wie diesem Wesen das Phänomen von Lähmung, Resignation und Rückzug eigen war. Die Müdigkeit dieses Anteils zog wie lähmende Bahnen durch ihren Körper, sie fiel in einen leichten Schlaf und wachte erst am späten Nachmittag mit Appetit und Lust auf Bewegung auf.

In dem kleinen See unterhalb des Wasserfalls schwamm sie einige Runden und tauchte bis zu dem Grund. Das Wasser war eiskalt. Es war Zeit, diese Stimmen zum Schweigen zu bringen, dachte sie. Was für ein Ballast, den sie da seit vielen Jahren mit sich herumtrug. Aber schon hörte sie schon die nächste Stimme, die sich äußern wollte. „Ich hasse ihre Unverschämtheit, so viel für sich einzufordern – warum kann sie sich nicht wie alle andern Frauen ihrem Schicksal beugen! Jahrtausendelang haben Frauen Schmerzen hingenommen, haben den Männern gedient und ihnen ihr Bestes gegeben. Nun meint sie, sie habe das Recht, diese Linie der Frauen zu durchbrechen. Frauen sind auf der Welt, um zu dienen. Wir Männer, geben ihr dafür das große Geschenk der Sicherheit und der Liebe. Keine Frau kann sich selbst führen.“ Diese Stimme kam ihr so bekannt vor. Der versteckte Tausch in dem gegenseitigen Geben und Nehmen verursachte ihr Übelkeit. „Wenn du mir dieses gibst, werde ich für dich sorgen. Wenn dich so oder so verhältst, schaue ich nach dir. Und wenn nicht …“, sie fühlte die unausgesprochene Drohung. „Wenn nicht, dann verstoßen wir dich. Du wirst es büßen. Du wirst den Preis zahlen müssen, wenn du das Gesetz unserer Ordnung brichst. Wir werden dich für verrückt erklären …“

 

Sie lief einige Schritte über das weiche Moos, und während sie sich bückte, um von den blauen Beeren zu pflücken, hörte sie eine andere laut bestimmende Stimme. „Diese Welt ist keine grundsätzlich gute Welt. Das Gute geschieht nicht von selbst und ist nicht selbstverständlich, es geschieht nur, wenn man hart dafür arbeitet. Ich kontrollierte dein Leben und die Welt um dich herum, um Überleben zu sichern. Ich hasse unerwartete Dinge und es ist mir wichtig, immer den Überblick zu bewahren. Mit diesem chaotischen Impuls, dem du folgst, bringst du uns alle in Gefahr. Deine Handlungen entspringen keiner Logik. Du bist unverschämt, in der Art wie du Wahrheiten erschaffst und dich nicht um die Gesetze von Tradition kümmerst. Und doch gibt uns das Chaos einen Impuls.“

Für einen Moment spürte sie die Liebe dieser Stimme, ihre tiefe, verehrende und auch von ihr abhängige Liebe. Sie konnte sehen, wie verknöchert und grau die Welt war, welche ohne ihre Lebendigkeit verloren schien. Dann aber schloss sich der Spalt und die Kontrolle kontrahierte sich mit noch stärkerem Druck. „Nein. Es kann nicht sein, diesen Fluss einfach strömen zu lassen. Er reißt uns alle ins Ungewisse. Jemand muss dir Einhalt gebieten. Einer muss dich in die Form zwingen, zu deinem eigenen Wohl und zum Wohl Aller.“ Kontrolle! Sie spürte ihre Präsenz in ihren Muskeln, die Spannung, die Härte, und auch die Kraft. In dieser Energie war sie handlungsfähig, bestimmt und geschätzt als Frau in der Gesellschaft. Sie stellte Forderungen und wusste immer, was es als Nächstes zu tun galt. Etwaigkeiten und Unvorhergesehenes ließ sie erst gar nicht zu.

Keine der Stimmen bisher war so polar zu dem, was sie hier, am Fluss und an der Lichtung seit Tagen erlebte, in der ruhigen, fließenden Zeitlosigkeit, welche die Ewigkeit ihr schenkte. Erstaunt bemerkte sie, wie Männer aller Weisheitstraditionen sich dieser Form von Autorität bedienten. Merkmal ihrer Wirkweise war der Satz: „Zum Wohle Aller“. Zum Wohle Aller. Zum Wohle Aller. Sie hörte diesen Satz wie ein Mantra in ihrem Herz klopfen und Übelkeit überfiel sie, während Bilder von Kreuzzügen und Erniedrigungen, von Folter und Qualen an ihrem inneren Seelenauge vorbeizogen und das Mantra unbeirrt vor sich hin tönte: „Es ist zum Wohle Aller. Verstehe das doch. Es muss so sein. Die Eine muss für das große Ganze geopfert werden. Bring auch du dein Opfer. Es ist zum Wohle Aller.“ Sie stand vor der größten Lüge der Menschheitsgeschichte. Ganze Kulturen, Rassen, Tierarten, waren so ausgerottet und zerstört worden. „Zum Wohle Aller. Halte still. Mische dich nicht ein. Du verstehst das nicht. Es muss dich nicht kümmern, dir wird nichts geschehen. Mach die Augen zu. Es ist zum Wohle Aller.

 

Und dahinter sah sie plötzlich die pervertierte, machtgetriebene, kranke Menschheitsseele in ihrem wahren Gesicht. Und nun geschah etwas Sonderbares. Aus der Erde schien die Kraft einer riesigen Schlange in ihren Körper zu strömen, und sie erhob sich und berührte ihr Maul mit ihrem Fuß. Über ihr kreiste der Falke und schrie laut und klar. „Darf ich es tun?“ fragte sie ihn. „Du musst es tun“, schien er zu antworten. „Damit es ein und für alle Mal vorbei ist.“ Sie richtete sich auf und schloss die Augen. Die Kraft des Universums bündelte sich in ihrem Herzen und so wie ganz am Anfang der Reise die reine Elektrizität des alten Weisen in der Tundra in sie hineingeströmt war, fühlte sie nun die Weite des Weltalls in ihr Herz hineinfließen und gleichzeitig gelang es ihr ganz leicht, ihren materiellen Körper aus seiner Verdichtung aufzulösen und den weiten Raum einzuwohnen. Die Stelle, an der sie mit ihrem Fuß das Maul der Erdenschlange berührte zuckte mit silbernen Energieströmen gleich einem Blitz konzentrierter Willenskraft.

Sie blickte in das Gesicht der Schlange und sagte laut und deutlich: „Ich verfluche dich“. Während sie den Fluch sprach, fühlte sie den Segen, der darin lag, dem Spiel der Erde ein Ende zu bereiten. „Es dient dem Wohle Aller. Es dient dem Frieden …“ ächzte der fratzenhafte, wesenlose Mann, zu dem sich die Schlange nun verwandelte. „Es dient niemandem“, sagte sie und richtete den Strahl ihres Herzens weiter auf seine Umwandlung: „Du wirst jetzt Mensch werden.“ Dazu verfluche ich dich. Und dazu gebe ich dir meinen Segen.“ Die Schlange verlor ihre Haut in brennenden Fetzen und zischte gleich glühendem Dampf. „Ich wollte … die Erleuchtung“, sagte eine Stimme, aus den Resten der in sich verglühenden Schlange. „Ich wollte doch nur die Erleuchtung, zum Wohle aller Wesen.“ „Du wolltest Macht. Du hast den Willen für deine persönliche Selbsterhebung eingesetzt“, sagte sie still und ohne Emotion. Sie sah nun, den Verlauf der Welt, befreit von dem Trieb des falschen Willens. Du warst in Eigensinn und Selbstinteresse geblendet und hast andere geblendet. Du hast verführt. Du hast Menschen von deinem gleißenden Licht abhängig gemacht. Mein Fluch soll dich bis in die Tiefe der Erde verfolgen, dort wo du lernst, dem Menschenwesen zu dienen und selbst ein fühlender Mensch zu werden. Ich segne dich, möge tiefe, ungestüme Leidenschaft uns Emotion der Stoff sein, aus dem dein neuer Erdenkörper erschaffen wird. Du wirst viele Leben heimatlos herumirren und all das, was du zerstört hast wieder gutzumachen haben. „Verzeih mir“, ächzte es aus den letzten Resten der abstrebenden Schlangenhaut. „Niemand kann dir das verzeihen. Es gibt niemand, der dich erlöst. Deine Erlösung musst du in dem Ausgleich deiner Taten bewirken, in dem du lernst, der Liebe zu dienen. Dazu wirst du auf dem Boden kriechen, und jede deiner Taten wird ein Schritt deiner Vollkommenheit werden, welche von nun an, niemals wieder nur deine eigene Erleuchtung sein wird, sondern jeden Menschen umschließt. Du wirst transparent werden, sodass jede deiner Triebe, Handlungen und Begierden für alle sichtbar sind. Und es liegt an der Umkehr deines Willens, deiner Gier nach Licht, welche dich umbildet zu einem gewöhnlichen Menschen, einem Menschen, der namenlos das Recht auf einen Namen sich erst erwirbt durch Taten aus Demut und Liebe. Dein Fluch den ich auf dich erlege ist die Kraft, die ich in dich gieße, der zu werden, der du bist. Und auch ich habe meine Prüfung, mein Fluch und mein Segen auferlegt. Gehe nun. Und kehre mir nie wieder unter die Augen.“

Erschöpft setzte sie sich auf den warmen Stein und beobachtete, wie sich die letzten Reste der Schlange verglühten und auflösten. Der Falke streifte ihr Haar und schien zu sagen: Nimm es nicht dramatisch. Wir alle sterben. Dazu sind wir bestimmt. Das Leben beginnt hier an dieser Stelle. Du hast ihm das Leben geschenkt, indem du ihm das falsche Leben endgültig vernichtet hast. Nun erinnere dich daran, was die Stimme der Erkenntnis sagte, lass geschehen, was geschieht und gib dem, was geschehen ist, keine weitere Bedeutung. Während die Sonne sich langsam zurückzog und der Wald in blaues Licht getaucht vor ihr lag, kitzelte sie die laue Abendluft mit unendlicher Zärtlichkeit und Sanftheit. Auf ihrer Haut verspürte sie perlende Bewegungen, so als wäre sie ein Grashalm, welcher im Wind bewegt wurde. Ihr Traum war tief und sie schlief wohlig geborgen und ohne Sorge.

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