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Soulskin- Leseprobe: …“das unbekannte Terrain“

Soulskin Leseprobe:

Unbekanntes Terrain

„The more thou dost advance, the more thy feet pitfalls will meet. The Path that leadeth on is lighted by one fire – the light of daring burning in the heart. The more one dares, the more he shall obtain. The more he fears, the more that light shall pale.“

– Helena Blavatsky

Suchend und nicht wissend, was genau es war, dass sie zu suchen glaubte, mit jedem Schritt tiefer den Ort in sich fühlend, den sie als Abgrund ihres Innenlebens mit gutem Grund immer vermieden hatte, so machte sie sich auf den Weg in die Tiefen ihres Unterbewusstseins, dort wo die Ängste und verdrängten Lebensimpulse wie Schatten auf ihren Besuch warteten. Die Reise hatte begonnen.

Sie hatte freiwillig alles aufgegeben und hinter sich gelassen, was ihr psychologische Sicherheit und Zugehörigkeit gegeben hatte. Es war ein selbst erwähltes Exil, ein freies Land dem sie sich nun willentlich näherte. Manche alten Weggefährten hatten sich in Hohn in Anbetracht ihres Gebrochenseins abgewendet, andere in Hochmut und Triumph, die meisten aber wohl in Furcht vor der irrationalen und unwillkürlichen Handlung, welche ihr Leben nun bestimmte und alles mit sich riss, was noch an ihr halten wollte. Manche hatten ihren Mut gesehen und auch das Leuchten der Liebe in dem dargebotenen Herz und fühlten sich daran verbrannt. Denn: Ja, sie brannte. Der Abgrund der sich nun offenbarte war tief und kannte kein Erbarmen, nahm keine Rücksicht und zog sie tief in die Wunde in ihrem Innern, die sie ihr ganzes Leben gemieden hatte. Dieser Riss im Herzen, der sich ausdehnte und immer größer wurde, wie eine klaffende Wunde setzte Urgewalten von Schmerz und Trauer frei, für die sie keine Namen kannte. Manchmal war es ihr eigener Schmerz, oft jedoch ein jahrtausend Jahre altes Erbe von Frauen, die sich in ihrer Psyche austobten, wehrten, schrien und aufbegehrten, dieses Tor zu durchschreiten.

„Ich will im Recht bleiben“, schrie das weibliche Kollektiv und dröhnte in ihrem Herzen. „Dieses Unrecht!“ wetterten Moral, Gewissen und alles Gute und Schöne, die ihr im Leben gedient hatte. „Wehre dich! Lass dir das nicht gefallen. Nicht noch einmal, nicht noch einmal Tod und Zerstörung, nicht noch einmal durch den Wahnsinn des Schmerzes Verstoßene zu sein“, flüsterte ihre innerste Stimme verzweifelt. Es war ihr bewusst, wie nahe sie der Stelle gekommen war, wo ihre Schwestern imweibliche n Kollektiv, unfreiwillig, verbannt, ins Exil gestoßen, verlassen und entmächtigt worden waren. Wie merkwürdig es doch war, in vollem Bewusstsein ihre eigene Handlung zu bezeugen, in der sie sich dankbar fast in diesen Strudel von Sterben und Zerstörung ziehen ließ. Endlich nicht mehr wehren! Endlich die Struktur nicht länger aufrechterhalten und dem begegnen, was in der Tiefe des Wesensgrundes auf sie wartete.

Es zog sie immer tiefer in den Urgrund dieser schwarzen Öffnung und orientierungslos fiel sie zu Boden, suchte Halt an der Oberfläche der Muttererde und pulsierte ihren brennenden Kör-per in die weiche feuchte Nässe der braunen Kruste, welche die Erde umhüllte. Ihre Muskeln und Gliedmassen gaben ihr keine Stabilität mehr, ein irrwitziger Schwindel hatte sie gepackt, und auf ihre Sinne und ihren Instinkt war kein Verlass mehr. Sie war in den Strudel von Irrsinn eingetreten und liess sich wirbeln und drehen ohne den festen Boden zu suchen. Gleich schwarzen Löchern im Universum fühlte sie sich von einer höheren Macht in ein unbekanntes Sein hineingesogen und liess es geschehen. Worte verließen sie, welche sie so oft selbstverständlich gesprochen hatte, Gedanken brachen ab und hatten keinen Sinn. Sie konnte die Dinge nicht mehr ihrer Sinnhaftigkeit zuordnen und immer öfters vergaß sie die Namen von Menschen, mit denen sie zusammen war, wie auch die Jahreszeiten, das Datum des Tages, ein Empfinden über Wärme und Kälte. Das Niemandsland in dem sie schwebte war kalt und ohne Erbarmen. Dies war der Ort, vor dem sie sich gefürchtet hatte, ein Leben lang, den die Wärme ihrer Seele stand der Vernichtung dieses Grenzenlosigkeit machtlos gegenüber.

Die Nacht war  kurz, geprägt von vielen Stunden der Ausdehnung ins kalte All, sodass Zeit und Raum ihr keinerlei Orientierung mehr boten und im Traumgeschehen blieb sie wach wie ein Zeuge der niemals ruht. So fand sie weder Kraft im süssen Vergessen des Schlafes noch im geborgenen Raum der Träume. Müde und doch hellwach zog sie sich zurück in die Höhle von Innenraum, den sie ein Leben lang gemieden hatte, und ihre Haut schmerzte bei jeder Berührung, als würde sie glühen, je tiefer sie in die Innenschichten ihres Wesens eindrang und es sorgsam untersuchte. Nackt war alles und bloß gelegt, was ihr Verstand so sorgsam gehütet und geordnet hatte in einem System von Regeln, Gepflogenheit und Etiketten, um ihrer Person Kontinuität und Identität zu verschaffen. Sie stand in den Flammen ihres selbst gewählten Scheiterhaufens und wusste, es gab keine Tür, die ihr den Tod weisen würde, denn diese Transformation war dem ewigen Leben bestimmt und brannte in dem Wahn einer zeitlosen Ewigkeit, die niemals enden konnte.

Zuweilen, wenn sie sich dem Schmerz über ihr herausgerissenes Herz so ausgeliefert fühlte, dass ihr der Wahnsinn bedrohlich nahe kam, erschien an ihrer Seite die alte Frau, die ihr so oft schon beigestanden hatte. Sie nannte sie die Schwarze Mutter des Todes.

Zum ersten Mal war sie ihr am Strand begegnet, wo sie mit einer Gruppe von jungen Menschen freudig und ausgelassen tanzte. Die große Mutter stand oben auf der Klippe ernst und still, in ein schwarzes Kleid gehüllt und blickte mit dem Rücken ihr zugewandt auf das weite Meer. Als junges Mädchen fürchtete sich vor ihr, so wie sie sich viele Jahre später immer noch graute, wenn sie ihr in Träumen erschien, denn sie kam immer, um den Abschied zu kündigen und Raum für Neues zu schaffen. Ihre Gestalt war hager und gebückt und sie schien uralt. Ihre Gegenwart störte die Ausgelassenheit und Freude des jungen Mädchens und sie brachte einen Missklang in ihr leichtes Spiel, gleich einer Vorbotin des Unglücks in ihrem unbefangenes Mädchensein. Sie wusste, dass diese Gestalt alles verloren hatte, was es zu verlieren gab, und ein unheimliches Gefühl ging einher mit ihrer ernsten wissenden Präsenz. Wie oft hatte sie diese Begegnung gefürchtet? In den Nächten, in denen sich ihr Körper hin und her wälzte und keine Ruhe fand, begann sie mit der jungen Frau zu sprechen, die sie selbst einst war.

„Erzähl mir“- flüsterte sie dann, „erzähl mir von der alten Frau“.

Und die junge Frau sprach:

„Das Gesicht der schwarzen Urmutter ist jetzt unverschleiert und sie dreht sich zu mir.

Gleissendes Licht, gleißende Liebe blickt mir entgegen. Sie ist seelenruhig“.

Für einen Moment atmete sie selbst in diese Ruhe und spürte ihren wohligen, erdigen Klang. „Erzähl mir mehr von ihr“, flehte sie. „Was hat sagt sie? Wer ist diese alte Weise, die den Tod kündet?“

Das junge Frau beschrieb nach einer längeren Pause was sie gesehen hatte:

„Die grosse Göttin hat alles hinter sich gelassen und den Tod oft gesehen. Sie war oft Nahe des Irrsinns gewesen. Ihren Augen entgeht nichts. Sie hat so viel gesehen, dass sie im tiefsten Grunde hätte zerbrechen müssen über das, was sie sah. Aber sie ist nicht zerbrochen, sie ist offenbar- offenbarte Weisheit. Und jetzt bohren sich diese brennend schwarzen Augen in die Tiefe meines Herzens und mir wird bang. Aber sie dringt weiter und tiefer ein in diese eine Wahrheit, die unlogisch, nicht linear, statt dessen komplexer und nicht zu greifen ist.“

Die junge Frau atmete tief. Dann fuhr sie fort:

„In langen Nächten hatte sie gelernt dem zu Lauschen, was der Wind in den Blättern und die Sterne in der Weite des Himmels zu erzählen wusste. Die Kinder, denen sie zum Leben verholfen hatte und deren Tod sie auch, wenn es unvermeidlich war begleitete, waren ihr auf ewig anvertraut. So sanft wurde sie dann, so zart ihre Hände, wenn sie streichelnd etwas von dem berührten, was so schwer als Schicksal lastete in denen, die ihr nahe waren.“

Nun wusste sie plötzlich: Sie bewahrte das LEBEN selbst! Sie, die wie der Tod vor ihr gestanden hatte, war die Künderin des Lebens.

Sie stand vor der Hüterin des Lebens. Als sie das in ganz neuer Tiefe verstand, dort wo sie keine Hoffnung mehr verspürt hatte und auf ihr Leben blickte, welches nun düster und leer vor ihr ausgebreitet lag, da reichte die Alte ihr die Hand, die so zerbrechlich war und mit festem Druck überreichte sie ihr den Schlüssel, den sie fortan an ihrem blutendem Herzen trug. „Hab´ Vertrauen“, flüsterte die alte Weise, „Hab´ Vertrauen. Das Leben ist gut. Das Leben ist gut.“

So lief sie alleine weiter, und manchmal begleitete sie ein Stück des Weges die junge Frau, die ihr lautlose Seelensprache berichtete; lauschend und zeitlos war ihre Gegenwart und nahm ihr ein Teil des Schmerzes und der Bürde. Die alte Hüterin des Lebens trat zu Weilen zu ihnen und öffnete ihren Blick hin zur Zukunft und manchmal murmelte sie undeutliche Worte vor sich hin die in etwa so klangen:

„Meine Tochter: Ich möchte dir antworten. Höre niemals auf, dich diesem Raum anzuvertrauen, dieses hinterste Zimmer in deinem Herzen dort, wo du den verborgenen Schmerz aller Menschen fühlst und zugleich weißt, dass es der Ort deiner tiefsten Lebendigkeit und Lebensfreude ist. Das ist kein Widerspruch, auch wenn es sich so anfühlt.

Du hast ein Recht auf diese Lebendigkeit. Du hast ein Recht auf die Intensität der Liebe, die du dich nicht scheust zu fühlen. Die Tür zu diesem sprudelndem Leben ist der Mut, nicht wegzublicken. Zu sehen, was ist und darin zu bestehen. Dieses Licht, welches sich durch dich ausdrückt, wenn du singst, wen du tanzt, wenn du lebst: weil du bist. Diese Freude, an deinem Sein, an diesem unbegrenzten riesigen Sein.

Du selbst bist die Hoffnung des neuen Morgens, der beginnt, den Raum des Schmerzes nicht mehr wegzupacken, nicht in verspannte Körperteile, nicht in neue Abhängigkeiten, nicht in Oberflächlichkeiten.

Und während sie dies oder ähnliches sagte, schüttelte sie an ihr, schubste sie manchmal fast grob auf dem unwegsamen Pfad oder führte sie mit unendlicher Zartheit an einen Busch mit Beeren, die sie ihr in den Mund steckte.

„Du Bist die Tür zu dem Ort, der weiß, dass Liebe stärker ist.”

„Du Bist die Tür zu dem Ort, der weiß, dass Liebe stärker ist?”

Verzweifelt versuchte sie, diesen einen Satz immer aufs Neue zu verstehen. Sie verstand ihn, und verstand ihn nicht. Etwas in ihr war zerbrochen und konnte den Satz nicht auffangen, nicht zuordnen, etwas anderes jedoch wachte auf, an dem Rätsel dieser Worte und rieb sich daran, hielt ihn zwischen den Händen und bewegte ihn immer aufs Neue:

„Ich Bin die Tür zu dem Ort, der weiß, dass Liebe stärker ist.”

Und nach einigen Tagen würde die alte Weise fortfahren:

„Ich habe deine Frage gehört und ich antworte dir in dem Licht des kommenden Morgens: Deine Kraft wurzelt darin, dass du Schmerz weder Freude verdrängst noch willkommen heißt, sondern in Gleichmut erträgst und erduldest und dass du darum weißt, welche Kraft dir zusteht, dies zu wissen.

Die Frauen aller Traditionen und Generationen sind mit dir, in diesem Wissen.

Ich danke dir für deinen Mut im Namen aller Frauen. Trete diese Reise unter meinem Segen an. Ich werde dich an die Grenzen führen und in neue Länder. Ich werde dich nicht schonen. Du hast mich gerufen und ich habe dir meine Wölfe zugesandt, damit sie mit dir gehen. Nun beginne und sei frohen Mutes.“

Soulskin- Cordula Frei

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