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Du Bist die Tür

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So lief sie alleine weiter, und manchmal begleitete sie ein Stück des Weges die junge Frau, die ihr lautlose Seelensprache berichtete; lauschend und zeitlos war ihre Gegenwart und nahm ihr ein Teil des Schmerzes und der Bürde. Die alte Hüterin des Lebens trat zu Weilen zu ihnen und öffnete ihren Blick hin zur Zukunft und manchmal murmelte sie undeutliche Worte vor sich hin die in etwa so klangen:

„Meine Tochter: Ich möchte dir antworten. Höre niemals auf, dich diesem Raum anzuvertrauen, dieses hinterste Zimmer in deinem Herzen dort, wo du den verborgenen Schmerz aller Menschen fühlst und zugleich weißt, dass es der Ort deiner tiefsten Lebendigkeit und Lebensfreude ist. Das ist kein Widerspruch, auch wenn es sich so anfühlt.

Du hast ein Recht auf diese Lebendigkeit. Du hast ein Recht auf die Intensität der Liebe, die du dich nicht scheust zu fühlen. Die Tür zu diesem sprudelndem Leben ist der Mut, nicht wegzublicken. Zu sehen, was ist und darin zu bestehen. Dieses Licht, welches sich durch dich ausdrückt, wenn du singst, wen du tanzt, wenn du lebst: weil du bist. Diese Freude, an deinem Sein, an diesem unbegrenzten riesigen Sein.

Du selbst bist die Hoffnung des neuen Morgens, der beginnt, den Raum des Schmerzes nicht mehr wegzupacken, nicht in verspannte Körperteile, nicht in neue Abhängigkeiten, nicht in Oberflächlichkeiten.

Und während sie dies oder ähnliches sagte, schüttelte sie an ihr, schubste sie manchmal fast grob auf dem unwegsamen Pfad oder führte sie mit unendlicher Zartheit an einen Busch mit Beeren, die sie ihr in den Mund steckte.

„Du Bist die Tür zu dem Ort, der weiß, dass Liebe stärker ist.”

„Du Bist die Tür zu dem Ort, der weiß, dass Liebe stärker ist?”

Verzweifelt versuchte sie, diesen einen Satz immer aufs Neue zu verstehen. Sie verstand ihn, und verstand ihn nicht. Etwas in ihr war zerbrochen und konnte den Satz nicht auffangen, nicht zuordnen, etwas anderes jedoch wachte auf, an dem Rätsel dieser Worte und rieb sich daran, hielt ihn zwischen den Händen und bewegte ihn immer aufs Neue:

„Ich Bin die Tür zu dem Ort, der weiß, dass Liebe stärker ist.”

Und nach einigen Tagen würde die alte Weise fortfahren:

„Ich habe deine Frage gehört und ich antworte dir in dem Licht des kommenden Morgens: Deine Kraft wurzelt darin, dass du Schmerz weder Freude verdrängst noch willkommen heißt, sondern in Gleichmut erträgst und erduldest und dass du darum weißt, welche Kraft dir zusteht, dies zu wissen.

Die Frauen aller Traditionen und Generationen sind mit dir, in diesem Wissen.

Ich danke dir für deinen Mut im Namen aller Frauen. Trete diese Reise unter meinem Segen an. Ich werde dich an die Grenzen führen und in neue Länder. Ich werde dich nicht schonen. Du hast mich gerufen und ich habe dir meine Wölfe zugesandt, damit sie mit dir gehen. Nun beginne und sei frohen Mutes.“

– aus SOULSKIN/ Cordula Frei