Die Wahrheit ist ein pfadloses Land

„Die Wahrheit ist ein pfadloses Land“ – Jiddu Krishnamurtis Botschaft heute

Vor der Berührung mit dem wirklichen Geist schotten wir uns oft durch wahre Rüstungen von Gedanken-Systemen und Sicherheit gebenden spirituellen oder religiösen Heimatgefühlen ab. Zu groß ist unsere Angst vor Verunsicherung und Identitätsverlust. Welche Geisteshaltung braucht es, um wirklich berührt zu werden und durch meine Person hindurch das Wesentliche im Andern zu fühlen, ohne mir ein Bild von ihm zu machen? Auch ohne ein Bild zu machen von Gott, Christus oder Buddha? Wie komme ich von geprägten Vorstellungen zu einer unmittelbaren Erfahrungskraft in mir selbst? Diesen Fragen galt das Lebenswerk von Jiddu Krishnamurti, der hier neu entdeckt wird.

Von Cordula Mears-Frei

Jeder Mensch entwickelt sich im Laufe seines Lebens als Individuum, als abgeschlossene und von anderen getrennte Person. Das ist biographisch durchaus sinnvoll und notwendig.

Wenn wir aber biographisch das 30. Lebensjahr überschritten haben,

erfahren wir möglicherweise und oft schmerzvoll, wie sich eine neue Frage in unserem Innern stellt: Die Frage nach dem Sinn meiner Persönlichkeit und ihrer Kontinuität in der Zeit. Oft sind zu diesem Zeitpunkt bereits Höhepunkte im jugendlichen Tatendrang erreicht, das Leben hat uns in seinem dramatischen Verlauf „geprägt“ und ein neuer Impuls zur Reifung tritt uns von Außen entgegen: ich werde mir meiner Verantwortlichkeit und Bedingtheit bewusst; was ich tue, will gut überlegt und angelegt sein, denn es muss jetzt tragen.

Oft sind die Entscheidungen in dieser Lebensphase auch diejenigen, die von da an kontinuierlich bis zum Lebensende weiter entwickelt werden und unseren ganzen weiteren Lebenslauf formen. Man könnte sagen, es  kommt dadurch etwas „Fertiges “ in  unser Menschsein, etwas, was unabdingbar zu uns  gehört und uns auszeichnet als das, was wir existenziell sind. Wenn wir dabei nach Innen hören, bemerken wir aber auch eine gewisse Ruhelosigkeit, die sich nicht mit dem zufrieden geben will, was wir äußerlich  verfolgen. Diese Unruhe kann zu einem Wegbegleiter werden, welcher uns immer wieder die Begrenzung unserer persönlichen Existenz vor Augen führen möchte. Diese Begrenzung kann sich auch als Angst vor der nun gefestigten Form meiner Existenz  melden mit der dazugehörigen Frage; „War das nun alles – wird es nun immer so weiter gehen?“ Und ganz leise blicken wir ab diesem Zeitpunkt schon dem „Tod“ entgegen, der nun ganz unerwartet unser Wegbereiter wird. Alles, was wir von diesem Moment an tun, steht in Bezug zu der Frage: Was kann ich über den Sinn meines Lebens in Erfahrung bringen?  Was für eine Bedeutung habe ich als Person, bis hin zum  finalen Endpunkt meiner menschlich- personalen Existenz, für diese Welt? Die Tragik dieser Empfindung ist für manche von uns so schwer zu ertragen, dass man seine Ohren davor verschließen möchte und lieber in steter Bewegung und mit aller Willenskraft formend der Welt „den eigenen Stempel“ aufdrängen möchte: mögen es ehrgeizig angetriebene Berufsprojekte sein, oder sozial orientierte Taten –: ich will aufgehen in einem Größeren, ich muss teilhaben an einer Sinnhaftigkeit. Nur im Verfolgen und Ausbauen meiner Werte, Ideale und Ambitionen scheine ich mich als zeitlich bedingtes und bedingendes Wesen sicher fühlen zu können.

Eine außergewöhnliche Jugend

Jiddu Krishnamurti, einer der radikalsten spirituellen Lehrer unserer Zeit, stellt uns mit seinem Leben und seiner Lehre vor einen Weg, der die Begrenzungen und die Zeitgebundenheit unserer Persönlichkeit in jeder Hinsicht sprengt. Sein Leben ist ein eindrückliches Zeugnis und zugleich nie gelöstes Rätsel, ein Mysterium, das uns  immer wieder über die erstaunliche Poesie und Kraft seiner Worte staunen lässt. Geboren am 12. Mai 1895 in Indien erlebte Krishnamurti nach eigener Aussage (1) schon als Kind tranceartige Erlebnisse, die darauf hindeuten, dass er mit der geistigen Welt spontan und hellsichtig in Verbindung stand. So sah er, wie in einem seiner Essays aus dem Jahre 1913 zu lesen ist, z.B. verstorbene Verwandte oder Elementarwesen, wobei ihn das als eher scheues Kind meist beunruhigte. Mit vierzehn Jahren kam Krishnamurti mit dem Strom der theosophischen Bewegung in Berührung. Er begegnete dem als Hellseher geltenden Engländer Charles Webster Leadbeater, der damals in der in Indien ansässigen Theosophischen Gesellschaft eine führende Rolle spielte. Leadbeater glaubte bald in dem ruhigen, in sich gekehrten Jungen eine ungewöhnliche Aura frei von karmischer Prägung zu bemerken. Helena Blavatsky, Gründerin der Theosophischen Gesellschaft, hatte schon Jahre zuvor immer wieder auf  einen kommenden neuen „Weltenlehrer“ hingewiesen und die theosophische Gesellschaft als ein Instrument gesehen, um für den neuen „Fackelträger“ des Geistes ein geeignetes Forum zu schaffen. Die Theosophische Gesellschaft basiert bis heute auf dem Ideal  einer universalen Brüderschaft von Menschen jenseits von Herkunft und Religion, das Hauptanliegen ihrer Mitglieder war das Studium uralter Quellen der Weisheit und die Erforschung der Natur und der im Menschen schlummernden Kräfte. Die Theosophie schöpft dabei vor allem  aus der hinduistisch-buddhistischen und tibetisch-tantrischen Tradition. Annie Besant, damals Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft, war sich sicher, in Krishnamurti das geeignete Gefäß für diesen neuen Lehrer gefunden zu haben, den sie gemeinsam mit Leadbeater erwartete und der buddhistischen Traditionen entsprechend als „Maitreya“,  dem Namen des zukünftigen Buddha, bezeichnet wurde.  Auf ihren westlichen Vortragsreisen sprach sie diesbezüglich auch im gleichen Zuge vom wiederkehrenden „Christus“. Annie Besant erhielt im Jahre 1909 sogar das Sorgerecht für den Jungen und wurde für ihn zur mütterlichen Mentorin, die Krishnamurti  gemeinsam mit Leadbeater in die theosophische Gemeinschaft, ihre Lehren und Denkweisen einführte. Zwischen dem  umstrittenen Leadbeater und dem jungen Krishnamurti kam es zu zahllosen Differenzen. So brachten die Jahre zwischen 1910 und1920 starke Eindrücke und Schwankungen, in der er immer wieder die ihm zugewiesenen Rolle in Frage stellte.(2).  Besant indessen gründete eine eigene Organisation, den „Orden des Sterns aus dem Osten“ für die künftige Wirksamkeit Krishnamurtis. In der deutschen Sektion der Theosophen führten diese Vorgänge zu heftigen Konflikten und zur Trennung eines großen Teiles der Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft, die sich dem damaligen Präsidenten Rudolf Steiner in der 1912 neu gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft anschlossen. Denn während für Rudolf Steiner das „Mysterium von Golgatha“ eine immer zentralere Stelle in seinen Vorträgen einnahm, bestand Besant auf eine bevorstehende Inkarnation des „Christus-Maitreya“ in der Person Krishnamurti. Steiner dagegen vertrat in dieser Zeit die Auffassung, dass sich eine solche Wiederkunft nur im Ätherischen vollziehen könne.(3) Der spätere Präsident der Theosophischen Gesellschaft, C. Jinarajadasa, ein enger Freund Krishnamurtis, schildert in seiner eigenen Wahrnehmung wie er zwei Begebenheiten erlebte, wonach „der Junge für einige Zeit das Gefäß für Jemand Größeres war. Wer oder was ist „Er“? Ich möchte nicht die Gesetzmäßigkeiten für den Glauben anderer festlegen, aber mir ist „er“, zumindest aus der Tradition, seit meiner Kindheit vertraut, denn die Buddhisten erkennen in ihm (Herr Maitreya) den Nachfolger von Gautama Buddha. In der esoterischen Tradition ist es auch der Christus, der für drei Jahre im Körper seines Schülers Jesus lehrte“.(4) Krishnamurti bezog zu dieser Frage später Stellung und sagte, „Maitreya kann sich nicht manifestieren, das wäre so, als würde sich der Himmel manifestieren. Es ist die Lehre, die sich manifestiert“.(5)

„Damit habe ich nichts zu tun“

Am 3. August 1929 sollte Krishnamurti im niederländischen Ommen den eigens für ihn gegründeten „Sternorden“ als Haupt übernehmen. Nun sprach aus ihm jedoch nicht länger der scheue Zögling, sondern ein reifer Mann, der mit seiner Klarheit und Kompromisslosigkeit nicht nur Annie Besant, sondern die weltweite Organisation der Theosophischen Gesellschaft in Frage stellte: „Die Wahrheit ist aber nicht herabziehbar, im Gegenteil muss jeder einzelne Mensch die Anstrengung unternehmen, zu ihr aufzusteigen“, erklärte er. „Ein Berggipfel kann nicht zu Tal gebracht werden. Wenn Sie den Gipfel des Berges erreichen wollen, müssen sie das Tal durchqueren und die steilen Felsen hinaufklettern, ohne sich vor den gefährlichen Klippen zu fürchten. Sie müssen die WAHRHEIT erklimmen, sie kann nicht für sie abgestuft oder organisiert werden.“ Was Krishnamurti den versammelten Menschen weiter zu sagen hatte, stellte den Sinn jeder formulierbaren Lehre und äußeren Organisation radikal in Frage: „Ich behaupte, dass die Wahrheit ein pfadloses Land ist und dass es keine Pfade gibt, die zu ihr hinführen, keine Religionen, keine Sekten… Die Wahrheit ist grenzenlos, sie kann nicht konditioniert, sie kann nicht auf vorgegebene Weise erreicht und daher auch nicht organisiert werden. Der Glaube ist eine absolut individuelle Angelegenheit und man kann und darf ihn nicht in eine Organisation pressen. Falls man es tut, wird er zu etwas Totem, Starrem… Solche Organisationen verkrüppeln das Individuum, hindern es daran zu wachsen und seine Einzigartigkeit zu leben, die ja darin liegt, dass es ganz alleine diese absolute, uneingeschränkte Wahrheit entdeckt… Ihr könnt andere Organisationen gründen und auf jemand anders warten. Damit habe ich nichts zu tun. Ich habe kein Interesse daran, neue Gefängnisse zu errichten und neue Dekorationen für diese Gefängnisse zu kreieren. Mein einziges Interesse liegt in der absoluten, uneingeschränkten Befreiung des Menschen.“(6) Krishnamurti  zog in diesem Jahr einen Schlussstrich  unter die gesamte theosophische Esoterik und trennte sich öffentlich von der Organisation.

Sprengen aller Konditionierung

Von nun an galt sein Leben  der unermüdlichen Erforschung der personal-menschlichen Konditionierung. Aus tiefster Überzeugung widmete er sich der Befreiung des Menschen im Sinne einer allumfassenden Spiritualität. Dabei sollte er alle Glaubenssätze sprengen, er ließ keine Religionen und keine Institutionen gelten, er verneinte jede Rolle von sich als „Guru“ und warf diejenigen, die dennoch seine „Schüler“ sein wollten, immer aufs Neue auf sich selbst zurück. Auf seinen Reisen rund um die Welt schuf er einen Raum der Gedankenfreiheit zwischen westlich und östlich geprägten spirituellen Konditionierungen und stellte die indische Tradition gleichermaßen wie das westliche Denken in Frage. Neben seiner regen Vortragstätigkeit schrieb er Bücher und widmete sich auch der Gründung von Schulen, welche diese neue Art des Denkens pflegen sollten.

Seine eigene persönliche Entwicklung verlief dabei  parallel zu einer immer größeren geistigen Wachheit, die er selbst als Bewusstseinszustand  der „Einheit von Vater und Sohn“ bezeichnete. Anders wie bei den großen advaitischen Lehren dieser Zeit wie Ramana Maharshi, Ramakrishna, oder Vivekananda, gab es  für Krishnamurti keinen finalen Aspekt von „Erleuchtung“  im transpersonalen Raum. Ihm ging es vielmehr um eine allmähliche Verwandlung der „Person innerhalb dieser Person“. Wesentlich für ihn war das Erwachen einer unmittelbaren, unverfälschten Wahrnehmung  der Realität dessen, was IST und wie es sich in der Beziehung zwischen Mensch und Natur enthüllt. Ihm ging es um die gleichzeitige Wahrnehmung unserer inneren Realität und ihre Offenbarung in unseren Gedanken und Gefühlen. Krishnamurti suchte dabei die unmittelbare Handlung aus der Gegenwart, ohne  Projektionen in die Zukunft („Ich werde sein“) und ohne Festhalten an Prägungen aus der Vergangenheit. In einer revolutionären Umwandlung des menschlichen Bewusstseins warf er den Menschen aus dem gewohnten, in den Kategorien von Ursache und Wirkung funktionierenden linearen Raum-Zeit-Denken auf sich Selbst zurück, wo eine  unmittelbare totale  Sinneswahrnehmung möglich wird, welche der Denkvorgang nun nicht länger verzerrt. Er versuchte dabei, die Spaltung zwischen innerem und äußerem Leben hin zu einer umfassenden, ungeteilten Gedankenbewegung zu transformieren. Durch dieses nicht-partielle, nicht-fragmentarische Wahrnehmen stellt sich die im Selbst zentrierte Einheit unserer abgesonderten Individualität grundsätzlich in Frage.

„Jedes Bruchstück des Lebens besitzt seine eigene Energie, hat seine eigene Kraft, seine eigene Wirkung, und jedes Teil spielt auch darin eine Rolle, den anderen Teilen zu widersprechen. Diese Aufsplitterung – äußerlich, geographisch, religiös, national, und die Getrenntheit zwischen Ihnen und anderen Menschen – ist eine große Verschwendung an Energie.(7)

Dem Evolutionsgedanke gegenüber, war er im Sinne einer theosophischen Kosmologie zwar nicht abgeneigt, aber er vertrat vehement die Überzeugung, „dass auf jeder Evolutionsstufe Befreiung möglich ist“. „Allerdings wäre“, so Krishnamurti weiter, „für den Wunsch, Befreiung zu erreichen ein gewisser Grad an evolutionärer Reifung nötig.“(8)

„Sie sind die Welt“

Krishnamurti war lebendiges Zeugnis der grundlegenden Möglichkeit von Einheit zwischen Mensch, Kosmos und Natur. Keine spezifischen Meditationstechniken oder Praktiken führten ihn oder seine Schüler auf diesen Weg,  nur das vorbehaltslose Beobachten der menschlichen Konditionierung in seinem Denken, Fühlen und Wollen. In diesem Beobachten lebte Krishnamurti in dem Bewusstsein eines Mystikers. Gleichzeitig glich er einem unermüdlichen Wissenschaftler, der im Laufe seines Lebens immer präziser die menschlichen Denkgewohnheiten und Muster als Ursprung allen Leids aufzeichnete und somit jegliche Trennung zwischen Objekt und Subjekt verschwinden ließ:

„Die Wirklichkeit unterscheidet sich von der Idee über die Wirklichkeit, nicht wahr? Dass Sie dasitzen ist eine Wirklichkeit, aber ich kann mir auch vorstellen, dass Sie dasitzen und dann ist das etwas ganz anderes… So teilen wir unser Gehirn mit jedem Menschen auf dieser Erde- unser Gehirn, welches das Zentrum unseres Bewusstseins ist, mit allen nervlichen und sinnlichen Reaktionen, das Zentrum unseres ganzen Wissens, all unserer Erfahrungen, unseres gesamten Gedächtnisses. Sie teilen ihr Bewusstsein mit jedem anderen Menschen auf der Erde. Deshalb sind Sie die ganze Menschheit. In Wirklichkeit bleibt diese seltsame, unwiderrufliche Tatsache, dass wir alle von der gleichen Art sind, mit derselben Angst, Hoffnung, Furcht, mit dem Tod und der Einsamkeit, die solche Verzweiflung mit sich bringt. Also sind wir die Menschheit. Wenn man das in der Tiefe erkennt, hört der Konflikt mit einem anderen auf, weil Sie so sind, wie ich bin. Die Welt sind Sie und Sie sind die Welt“(9)

Für Krishnamurti gab es einen klaren Unterschied zwischen umfassender Einsicht und dem herkömmlichen, weitgehend automatisch verlaufenden Denkvorgang des Menschen, welcher „sich selbst erschafft“ in Abhängigkeit, Sicherheitsbestreben und Spaltung. Im neutralen Beobachten seiner eigenen Person erreichte er einen Zustand jenseits persönlicher Beeinflussung: „Wenn der Verstand still wird, arbeitet der Geist – das ist die Intelligenz des Universums. Einsicht in den Mechanismus der Begrenzung befreit die Begrenzung – Intuition ist der höchste Punkt der Intelligenz und diese Intelligenz lebendig zu erhalten bedeutet für mich Inspiration.“(10) Und weiter: „So produziert der Denkende ständig Gedankenformen, die sich ändern und verwandeln. Nimm den Gedanken weg – existiert der Denkende? Wenn Du also jeden Gedanken, ganz gleich ob gut oder schlecht, vollendest, tatsächlich zu Ende denkst, – was außerordentlich mühsam ist – wird der Verstand ruhiger. Um das Selbst zu verstehen, muss man das Selbst in Aktion beobachten. Das ist nur möglich, wenn der Verstand ruhig wird. Du wirst dann gewahr, dass deine Vorurteile, deine Wünsche, deine Eifersucht vor einem Bewusstsein an die Oberfläche kommen, das leer und völlig still ist.“ Er negierte dabei nicht das Denken als solches, sondern versuchte aufzuzeigen, wie der Denkvorgang in seine ursprüngliche Reinheit zurückzuführen wäre, an einen Ort also, wo er Eins wird mit dem, was im jüdisch-christlichen Kontext der Logos genannt wird, dem göttlichen Gedankenimpuls.(11) Diesen Vorgang bezeichnete er als „Inspiration“.  Dabei ging es ihm nicht um einen Zustand der personalen Leere, sondern um eine tatsächliche Impulsierung der Person durch den göttlichen Geist oder die Intelligenz des Universums.

Der Ursprung des Denkens

Die Menschen zu denen er sprach,  zeigten sich nicht alle so empfänglich für seine Lehre, wie  Krishnamurti es sich  gewünscht hätte. Viele seiner Zuhörer waren von seiner einzigartigen Präsenz und Wachheit tief bewegt, ohne ihn intellektuell verstanden zu haben. Dabei stieß er auch manch guten Freund vor den Kopf, indem er jede Antwort verweigerte, dem Fragesteller stattdessen selbst seine Frage  zurückgab und den gemeinsamen Diskurs darüber suchte. Immer stellte er eine Frage gleichermaßen für den Fragenden und sich selbst in den Raum; „Wer in dir fragt – woher kommt dieser Gedanke, wo ist sein Ursprung?“ Es gab keine andere Lehre innerhalb seines Lehrens als diese eine reine Präsenz,  die, immer erneut das Denken beobachtend, zu seinem Ursprung zurückführte und dahinter einen Raum der absoluten Intelligenz und Unschuld, einen Raum des Seins hinter der Person, erfahrbar werden ließ.

Jede Frage wurde für ihn Anstoß, noch tiefer in die Natur der menschlichen Denkweise einzudringen. Dabei gelangte er zu fundamentalen Einsichten, wenn er etwa formulierte:  „Wenn der Denkende sich selbst erkennt, wenn er sieht, dass der Denkende und der Gedanke nicht zwei getrennte Einheiten sind, wenn er erkennt, dass der Denkende und der Gedanke eins sind und der Denkende sich vom Gedanken abtrennt, um sich selbst zu schützen und seine Identität aufrechtzuerhalten“ …

Umgekehrt bedeutet das für den Menschen: Wenn er einsieht, dass er und das Göttliche nicht zwei getrennte Einheiten sind, wenn er erkennt, dass er und das Göttliche Eins sind und die Person sich nur deshalb abspaltet, um sich selbst zu schützen um ihre Identität aufrechtzuerhalten, dann öffnet sich vertieft eine Erfahrung eines nicht-dualen Seins.

„Beziehung ist Selbst-Offenbarung“

Die Beschaffenheit der menschlichen Beziehungsform wurde dabei in späteren Jahren ein zentraler Punkt seiner Lehre. Die Möglichkeit, sich aller inneren Bilder zu entledigen und in einem Zustand der reinen Wahrhaftigkeit und Bedingungslosigkeit aus den Verstrickungen von Abhängigkeit und gegenseitiger Ausbeutung herauszutreten, wurde von ihm in einer einmaligen Klarheit zum Ausdruck gebracht:

„Jeder hat sich auch in der Beziehung im Verlauf der Jahre ein Bild vom Anderen gemacht, ein Image. Diese Bilder, die Menschen voneinander geschaffen haben, sind die wirklich Beziehung? Es ist eine sehr ernste Frage, wenn wir überlegen: Können wir ohne ein inneres Bild in unseren Beziehungen leben?“(12)

Es ging ihm dabei um eine unmittelbare Erfahrung in der Überwindung des Objekt-Subjekt-Denkens, indem ich mich nicht aus der Welt (und ihren Beziehungsformen) ausgeschieden fühle; gleich einem paradiesisch Urzustand des Seins ohne Bewertung, jenseits einer naiven Selbstvergessenheit, sondern in exakter Erkenntnis über das, „was mich trennt“. Er zeigte dabei sehr konkret und  unmittelbar Möglichkeiten dieser Erfahrung: (13)

„Es ist sicherlich die Funktion einer Beziehung, den Zustand des eigenen Wesens total zu enthüllen. Beziehung ist ein Prozess der Selbstenthüllung, der Selbsterkenntnis. Diese Selbstenthüllung ist schmerzhaft und verlangt eine ständige Anpassung, eine Flexibilität des Denkens und Fühlens. Beziehung ist Selbst-Offenbarung – da man diese aber nicht will, verschanzt man sich hinter Behagen. Wahre Beziehung kann nur in der Liebe bestehen. Sie kann sich nur in Selbstvergessenheit entfalten, wenn Verbundenheit entsteht, vollkommene Verbundenheit nicht allein mit einem oder zwei Menschen, sondern mit dem Höchsten; und diese tritt erst ein, wenn man sich Selbst vergisst.“

Wo seine Lehre in früheren Jahren noch abstrakt und von persönlichen mystischen Erlebnissen überdeckt war, sprach er zunehmend die grundlegend allgemein-menschlichen Konditionierungen an: „Ist es möglich überhaupt nicht verletzt zu sein? Das bedeutet, keine Mauer des Widerstandes aufzubauen, so dass nichts Sie berühren könnte – sondern es bedeutet, ohne Widerstand zu leben und das heißt, nie verletzt zu sein.“ Er suchte dabei in einem vollkommen neuen Denkansatz die Liebe  nicht als Dualität zu Nicht-Liebe (Hass, Trauer, Eifersucht) zu begreifen, sondern als Kraft, die sich in dem menschlichen Geist offenbart, wenn er das Dualitätsdenken von Gut und Böse in sich transformiert: „Liebe ist kein Gegensatz zu Hass, sondern es ist ein Zustand der sich offenbart, jenseits des Denkens, wenn meine Seele empfänglich wird für das zeitlose Ewige“.

Dabei nutzte er als Instrument das Erforschen des  Ursprungs eines jeglichen Gefühls in einer   vollkommenen Objektivität so als stünde ich mir selbst als ein Fremder gegenüber. Im bewussten Verzicht auf meine Individuation und Recht-Haben Wollen als Einzelwesen, zeigte er einen Weg heraus aus den Fangarmen  der Projektion hin zu einem wesentlichen Wahrnehmen: des Menschen, der Natur und des Lebens an und für sich.

„Sehen Sie sich den Neumond je an – die Gestalt des neuen Mondes, die so zierlich und so frisch ist, so jung? Haben Sie das je angeschaut? Können Sie ihn ansehen, ohne das Wort Mond zu gebrauchen? Sie sitzen am Ufer des Flusses und blicken ihn an, aber Sie werden nie jemals zum Fluss, wenn Sie am Fluss keinen Anteil nehmen, wenn Sie sich nicht auf die Schönheit der Bewegung einlassen, die keinen Anfang und kein Ende hat… können Sie schauen, ohne das Wort zu verwenden, um ihn zu identifizieren? Können Sie nun Ihre Frau, Ihren Mann, Ihre Kinder ansehen, ohne die Worte „meine Frau“, „mein Mann“, „meine Kinder“ zu benutzen? Ohne irgendein Bild? Haben Sie das schon einmal versucht?“(14)

Die Abgeschiedenheit des Geistes

Die Freiheitsidee wurde dabei immer stärker zum Fackelträger seiner Gedankengänge; es ist jene Freiheit, welche die Tür öffnet für die geistige Intelligenz unseres gesamt-menschlichen Potentials. Krishnamurti wurde dabei nicht zum stillen Asketen, sondern zum leidenschaftlichen Gesprächspartner. Neben politisch-gesellschaftlichen Führungskräften wie Indira Gandhi oder dem Dalai Lama, der ihn in jungen Jahren traf, suchten ihn auch viele der indischen Gurus und Heiligen auf.  Er war ebenso umgeben von Menschen aus alten theosophischen Kreisen wie auch von Wissenschaftlern und Forschern (beispielsweise David Bohm) mit denen er von morgens früh bis spät in die Nacht diskutierte. „Nur in Freiheit kann die Güte des menschlichen Wesens erblühen“, sagte Krishnamurti und diese Freiheit meinte er als „Freiheit nicht von Äußerlichkeiten, sondern von Konditionierung, Tradition, Glauben, Religion. In der Abgeschiedenheit des Geistes wächst der Mut zum Alleinsein.“ Er verbrachte selbst viele Monate in der Zurückgezogenheit der Natur und viele seiner Bücher und Vorträge bringen seine Naturwahrnehmungen   zur Sprache. Nicht Krishnamurti beobachtet im Subjekt, sondern die Natur selbst wird hier zu einer eigenständigen, sich erfahrenden und sich in Erfahrung bringenden Kraft.

Diese „Abgeschiedenheit des Geistes“ bezeichnete er auch als „Ordnung“  die in der Erkenntnis über die „Unordnung“ in unserem Innern entsteht, wenn das Denken aufgrund vergangener Erfahrungen innerhalb unseres „Geistes“ aktiv ist. Er stellt uns dabei vor die Frage, ob es möglich ist, nichts aufzuzeichnen, weder positive noch negative Erfahrungen. Dies erfordert eine vollkommene Erfahrung im Augenblick: „Wenn Sie mich kränken, mir schmeicheln, wenn Sie mich empören – kann der Geist das sofort löschen, ohne es aufzuzeichnen? Ist es möglich, dass er weiß, dass er beleidigt wurde, es aber nicht aufzeichnet, damit er in der Beziehung rein, gesund und vollkommen ist?“ Jeder der ein wenig Erfahrung hat mit dem Versuch, seine Beziehungen bewusst zu gestalten, wird die Wucht dieser Fragestellung erleben. Wir begegnen hier der Frage: Wer in uns zeichnet eigentlich  auf – und warum eigentlich? Was veranlasst uns, an Schmerzen, Beleidigung, Enttäuschung festzuhalten?

Das bedingungslose Denken

Um zum Beginn dieses Artikels zurückzukehren stoßen wir also auf die Frage: Wie kann ich mich als menschliches Wesen vollkommen mit meiner Umwelt der Natur, dem Kosmos und meinen Mitmenschen verbinden, ohne dabei durch die Welt konditioniert zu werden? Wie kann ich stattdessen das Ursprünglich-Lebendige, das Mysterium des göttlichen Wirkens in der Natur und in meinem Denken wieder in einer bedingungslosen, unmittelbaren Offenheit erfahren – ohne mich aus der Welt zurückzuziehen? Kann ich mich auch innerhalb der weltlichen Zeitbedingtheit als unendliches, zeitloses Wesen erfahren? Kann ich damit aufhören, Wissen anzusammeln und Schmerzen in mir abzuspeichern? Ist es möglich, in meinem biographischen Werdegang eine flexible, vitale „Unschuld des Geistes“ zu entwickeln? Krishnamurti lehrt, dass dies möglich wird, wenn wir beginnen, unseren Alltag nicht aus dem „Zentrum“ des zeitgebundenen Denkens zu leben. Wir dürfen in diesem Zusammenhang aber keinen festen Ort im Sinne von „Ich bin angekommen“ oder „ich bin erwacht bzw. erleuchtet“ suchen, denn diese Aussagen implizieren wieder den Faktor der Zeit.

Anstelle des „Zentrums“ setzt Krishnamurti die permanente Fähigkeit, sich selbst zu beobachten und „nichts“ aufzuzeichnen – also ein bewegliches, forschendes und auch lauschendes Sein. Dabei bringt er einen neuen spirituellen Aspekt in unsere Welt, welche dem Prinzip der Überwindung des Egos als „Tod“ des Persönlichen in östlichen Traditionen gegenübersteht: „Es ist falsch, Befreiung als Vernichtung zu betrachten. Viel eher kann man in Wahrheit von einem Neuanfang sprechen. Das ‚Selbst’ ist nicht ein Ego. Es ist etwas weitaus Subtileres – individuelle Einzigartigkeit. Es ist individuell und gleichzeitig universell. Für ein menschliches Wesen kann es kein vollständiges Verschmelzen mit dem Absoluten geben – die Unterschiedenheit, wie abstrakt und fein auch immer, die mit dieser individuellen Einzigartigkeit einhergeht, besteht ewig fort.“(15)

Es geht ihm dabei also nicht um die Auflösung der Person, sondern  um die allmähliche Verwandlung des Personal-Stofflichen in ein subtil Feineres, welches immer vollkommener zum Gefäß der Weltgeistigkeit werden kann.

Krishnamurti war auf diesem Weg Vollendeter und Suchender zugleich. Sein Leben war bis zu seinem Tod in hohem Alter geprägt von einer überragenden Wachheit. Viele brachten diese über-persönliche Präsenz mit ihrer Vorstellung eines  Buddha-  oder Christus-Bewusstseins zusammen, aber Krishnamurti blieb immer auch Person, sich selbst bewusst, nur ein Werkzeug zu sein, welches in immer fortwährender Transformation in sich selbst und für die Welt eine neue Evolution erschafft. Sein Blick richtete sich dabei nicht auf das Jenseits, sondern in die Tiefe der menschlichen Beschaffenheit:

„Das Unendliche liegt nicht Jenseits des Endlichen, sondern IM Endlichen. Das Ewige liegt nicht jenseits des zeitlichen, sondern IM Zeitlichen. Das Unendliche liegt nicht jenseits des Sterblichen, sondern es IST das Sterbliche. Das Unsterbliche, das Ewige, das Unendliche, bist Du selbst.“(16 )

Am Ende seines Lebens brachte er seine Hoffnung zum Ausdruck, dass sein Lebenswerk wie Samenkörner nach und nach aufzublühen möge. Über sich selbst sagte Krishnamurti, „dass er (ein Mensch) für die Zukunft und nicht für die Gegenwart sei“. (17)

Inwieweit wir diesen Zukunftsimpuls in uns aufnehmen können und wollen, wird sich in ganz  individueller und in nur  vollständiger Freiheit zeigen können, denn Krishnamurti hat seine Impulse ohne greifbares Instrument und ohne eine äußere Organisation der Welt hinterlassen. Und er ermutigt uns dabei zu einem Weg der Menschlichkeit,  die eine Antwort sein kann für viele der gegenwärtigen Konflikte in organisierten Institutionen:

„Wenn Sie wirklich eine soziale Körperschaft bilden, keine religiöse, keine ethische, dann besteht Hoffnung für ihre Zukunft in der Welt. Wenn Sie wirklich eine Gemeinschaft von Menschen bilden, die auf der Suche sind, nicht Menschen, die bereits gefunden haben; wenn Sie eine Gemeinschaft von Menschen bilden, die Informationen weiterreicht, keine spirituellen Bewertungen; wenn Sie eine Gemeinschaft von Menschen bilden, die ein offenes Gesprächsforum bilden, nicht etwas für mich oder besonders Auserwählte; wenn Sie eine Gemeinschaft von Menschen bilden, unter denen es weder Führer noch Geführte gibt, dann besteht etwas Hoffnung.“(18)

1 Mary Lutyens: The Boy Krishna, Bramdean 1995

2 Mary Lutyens: Jahre des Erwachens, München 1981

3 Norbert Klatt: Theosophie und Anthroposophie, Göttingen 1993, und Thomas Meyer: Die Bodhisattvafrage, Basel 1989

4 Joseph Ross: The Taormina Seclusions, Xlibris 2000

5  Pupul Jayakar: Leben und Lehre

6 Öffentliche Rede in Ommen/ Auflösung des Ordens, Das Krishnamurti Buch, Frankfurt 1999

7 Krishnamurti: Der Spiegel der Liebe

8  E.A. Wodehouse: A Conversation with Krishnamurti. Intern. Star Bulletin, 3/1930

9  Krishnamurti: Die letzten Gespräche in Saanen. Wo Liebe ist, kann Leid nicht sein

10 Pupul Jayakar: Leben und Lehre

11 Krishnamurti nannte dies „Die Intelligenz des Universums“

12 Krishnamurti: Der Spiegel der Liebe, Freiburg, 2007

13 Krishnamurti: Vollkommene Freiheit. Das Krishnamurti Buch, Frankfurt 1999

14 Krishnamurti: Mind without measure

15  E.A. Wodehouse: A conversation with Krishnamurti, Star Bulletin

16 Krishnamurti: Die Wahrheit ist ein pfadloses Land, Grafing, 2001

17  Peter Michel: Krishnamurti, Ein Mensch der Zukunft, 2007

18  Susunaga Weeraperuma, ..of the Life and Teaching of Jiddu Krishnamurti, Bombay 1982