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Die Hüterin des Lebens

 

 

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Zuweilen, wenn sie sich dem Schmerz über ihr herausgerissenes Herz so ausgeliefert fühlte, dass ihr der Wahnsinn bedrohlich nahe kam, erschien an ihrer Seite die alte Frau, die ihr so oft schon beigestanden hatte. Sie nannte sie die Schwarze Mutter des Todes.

Zum ersten Mal war sie ihr am Strand begegnet, wo sie mit einer Gruppe von jungen Menschen freudig und ausgelassen tanzte. Die große Mutter stand oben auf der Klippe ernst und still, in ein schwarzes Kleid gehüllt und blickte mit dem Rücken ihr zugewandt auf das weite Meer. Als junges Mädchen fürchtete sich vor ihr, so wie sie sich viele Jahre später immer noch graute, wenn sie ihr in Träumen erschien, denn sie kam immer, um den Abschied zu kündigen und Raum für Neues zu schaffen. Ihre Gestalt war hager und gebückt und sie schien uralt. Ihre Gegenwart störte die Ausgelassenheit und Freude des jungen Mädchens und sie brachte einen Missklang in ihr leichtes Spiel, gleich einer Vorbotin des Unglücks in ihrem unbefangenes Mädchensein. Sie wusste, dass diese Gestalt alles verloren hatte, was es zu verlieren gab, und ein unheimliches Gefühl ging einher mit ihrer ernsten wissenden Präsenz. Wie oft hatte sie diese Begegnung gefürchtet? In den Nächten, in denen sich ihr Körper hin und her wälzte und keine Ruhe fand, begann sie mit der jungen Frau zu sprechen, die sie selbst einst war.

Erzähl mir“- flüsterte sie dann, „erzähl mir von der alten Frau“.

Und die junge Frau sprach:

Das Gesicht der schwarzen Urmutter ist jetzt unverschleiert und sie dreht sich zu mir.

Gleissendes Licht, gleißende Liebe blickt mir entgegen. Sie ist seelenruhig“.

Für einen Moment atmete sie selbst in diese Ruhe und spürte ihren wohligen, erdigen Klang. „Erzähl mir mehr von ihr“, flehte sie. „Was hat sagt sie? Wer ist diese alte Weise, die den Tod kündet?“

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Das junge Frau beschrieb nach einer längeren Pause was sie gesehen hatte:

Die grosse Göttin hat alles hinter sich gelassen und den Tod oft gesehen. Sie war oft Nahe des Irrsinns gewesen. Ihren Augen entgeht nichts. Sie hat so viel gesehen, dass sie im tiefsten Grunde hätte zerbrechen müssen über das, was sie sah. Aber sie ist nicht zerbrochen, sie ist offenbar- offenbarte Weisheit. Und jetzt bohren sich diese brennend schwarzen Augen in die Tiefe meines Herzens und mir wird bang. Aber sie dringt weiter und tiefer ein in diese eine Wahrheit, die unlogisch, nicht linear, statt dessen komplexer und nicht zu greifen ist.“

Die junge Frau atmete tief. Dann fuhr sie fort:

In langen Nächten hatte sie gelernt dem zu Lauschen, was der Wind in den Blättern und die Sterne in der Weite des Himmels zu erzählen wusste. Die Kinder, denen sie zum Leben verholfen hatte und deren Tod sie auch, wenn es unvermeidlich war begleitete, waren ihr auf ewig anvertraut. So sanft wurde sie dann, so zart ihre Hände, wenn sie streichelnd etwas von dem berührten, was so schwer als Schicksal lastete in denen, die ihr nahe waren.

Nun wusste sie plötzlich: Sie bewahrte das LEBEN selbst! Sie, die wie der Tod vor ihr gestanden hatte, war die Künderin des Lebens.

 

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Sie stand vor der Hüterin des Lebens. Als sie das in ganz neuer Tiefe verstand, dort wo sie keine Hoffnung mehr verspürt hatte und auf ihr Leben blickte, welches nun düster und leer vor ihr ausgebreitet lag, da reichte die Alte ihr die Hand, die so zerbrechlich war und mit festem Druck überreichte sie ihr den Schlüssel, den sie fortan an ihrem blutendem Herzen trug. „Hab´ Vertrauen“, flüsterte die alte Weise, „Hab´ Vertrauen. Das Leben ist gut. Das Leben ist gut.”- SOULSKIN, Cordula Frei

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