Die „Voice Dialogue“-Lehrerin Cordula Frei im Gespräch – Über Ego, Schattenarbeit, Unique Self und das Bewusste Ich

Das „Bewusste Ich“ als Krone der Schöpfung ?

Die „Voice Dialogue“-Lehrerin Cordula Mears-Frei im Gespräch mit dem spirituellen Dienstleister Sebastian Gronbach – Über Ego, Schattenarbeit,  Unique Self und das Bewusste Ich

Von der Erfahrung über die Konzeptualisierung zur Gestaltung und zurück, so könnte man den Kreislauf oder die Entwicklungsspirale psychodynamischer Praxis beschreiben. Am Anfang steht das phänomenologische Erleben der eigenen Bewusstseinsinhalte. Diese werden im Austausch mit den Erfahrungen anderer strukturell konzeptualisiert und auf eine geisteswissenschaftliche Grundlage gestellt. Daraus können Beschreibungen von Teilpersönlichkeiten und Ich-Instanzen erfolgen, welche wiederum bei der Gestaltung individueller und kollektiver Bewusstseinsräume wertvolle Hilfestellungen leisten und zu neuen und umfassenderen Erfahrungen führen. Im folgenden Beitrag gibt die „Voice Dialogue“-Lehrerin Cordula Mears-Frei im Gespräch mit Sebastian Gronbach aus unterschiedlichen Perspektiven Einblicke in ihre Arbeit. (mh)

Sebastian: Cordula, wir haben gemeinsame Seminare geleitet, in denen „Voice Dialogue“ (VD) ein zentrales Element war. Ich war glücklich zu sehen, wie es durch VD möglich ist, direkt und intensiv eingefahrene Persönlichkeitsmuster zu erkennen und zu transformieren. VD ist eine moderne und differenzierte Perspektive auf das, was man sonst etwas schlicht „Ego“ oder „Schattenarbeit“ nennt. Vielen Teilnehmern war es – beim besten Willen – über Jahre nicht möglich, diesen dicken Brocken „Ego“ zu bezwingen. Nun aber erweist sich dieses magische Monster Ego als gar nicht mehr magisch – und vor allem: Zum ersten Mal konnten Teilnehmer wirklich effektiv über dieses Ego hinausgehen.

Cordula: Das Modell der „Psychologie der Selbste“, wie deren Begründer Drs. Hal und Sidra Stone das Werkzeug „Voice Dialogue“ benannt haben, agiert auf drei Ebenen. Dabei ist das, was du jetzt als Ego/Schatten bezeichnest, die erste Ebene der Teilselbste, welche unbewusst und fast automatisch unsere individuelle wie auch kollektive Identifikation und Prägung bezeichnet. Diese Teilselbste sind echte Persönlichkeiten mit eigenen Meinungen, Vorbehalten und Ideen. Jeder von uns hat sozusagen mehrere Seelen in seiner Brust. Der Mittelpunkt der praktischen Arbeit mit diesen Selbsten ist die zweite Ebene, das „Aware Ego“. Dieses „Bewusste Ich“ ist nichts Statisches und nichts, was uns selbstverständlich gegeben ist, wie zum Beispiel das „Einzigartige Selbst“ (Unique Self) – jeder Mensch ist von Geburt an einzigartig. Das „Bewusste Ich“ entsteht, wächst und es bildet unsere Mitte mit jedem Mal, wo wir uns aus einer Identifikation mit einem inneren Teilselbst lösen, wo wir also als Bewusstheit selbstaktiv betrachten. Das „Bewusste Ich“ ist so gesehen das Bewusstsein, welches sich der Ebene von Teilselbsten (Egoebene) bewusst wird  und dadurch an sich selbst erwacht. Die dritte Ebene ist die des objektiven Zeugen, welche die Stones „Awareness“ nennen.

Sebastian: Das „Bewusste Ich“ als Krone der Schöpfung. Als die neuste Stufe der Evolution. Denn natürlich gab es immer schon dieses transpersonale Ich-bin. Bevor-Abraham-war-war-ich-bin. Diese „I-am-Ness“, von der Ken Wilber so eindrucksvoll spricht. Abraham war auch ein eindrucksvolles „Unique Self“ und erschien als solches in diesem zeitlosen Ich-bin. Aber war sich das Bewusstsein von Abraham dessen bewusst? Hatte er ein Bewusstsein, welches sich all dessen bewusst war PLUS des Bewusstsein vom Bewusstsein selbst? Ich denke, das ist etwas Neues. Das „Bewusste Ich“ ist kein erreichbarer Zustand, sondern mehr ein sich steigender Prozess der lebendigen Wachsamkeit, welcher in einem Gefühl großer persönlicher Freiheit erfahrbar wird. Das „Unique Self“ ist ein Geschenk Gottes – das „Bewusste Ich“ ist intensive Arbeit. Und die Intensität hat damit zu tun, dass es reines Bewusstsein ist und nur durch Bewusstsein geschaffen wird.

Cordula: Dieses „Bewusste Ich“ erlebt alles: Unsere primären Hauptselbste, die durchaus edle und positive Werte in uns postulieren wie z.B. spirituelle Ziele, aber auch die Anteile, welche die verdrängten Stimmen in uns abspalten und nicht mehr fühlbar machen. Diesen unbewussten, selbstautomatischen Vorgang würde ich grundsätzlich als Schattenebene bezeichnen. Im „Bewussten Ich“ bin ich mir aller Stimmen, alltäglich-persönlicher wie auch transpersonaler, ewiger Aspekte (z.B. Big Heart und Big Mind) bewusst. Im ZEN, in diesem erleuchteten Big Mind, können wir frei von der persönlichen Ebene sein. Vollkommene Freiheit von meinem biographischen Ich – was für ein gnadenvoller Zustand, für einen Augenblick. Und im Big Heart sind wir tatsächlich vollkommen mit allem eins. Mit deinem und mit meinem Schmerz. Mit aller Freude und allem Leid. Ungetrennt und Eins …

Sebastian: … welch’ eine Gnade …

Cordula: Oh ja, aber nur für einen Augenblick. Denn dieses „Bewusste Ich“ ist keine Gnadenerfahrung. Es „verbietet“ sich dieses „göttliche Gnadengeschenk“ quasi, indem die Gottheit selbst in der Bewusstheit ihrer Selbst(e) zu sich zurückkehrt.

Sebastian: Gott erreicht seinen höchsten Zustand und wird sich im „Bewussten Ich“ des Menschen seiner Selbste PLUS seines Bewusstseins bewusst …

Cordula: … und erreicht somit eine Art der Empathie mit sich selbst, welche unmittelbar zu einem neuen Selbstgefühl führt. In diesem Zustand schließt sich nichts mehr aus und man kann, einem Erleuchtungsmoment gleich, alle anderen Ebenen der Teilselbste und Schatten relativieren. Das heißt nicht, dass ich sie transzendiere, sondern dass ich sie als ein Spiegel der großen Welt in meiner kleinen inneren Welt erkennen lerne – und sie alle als einen mir zugehörigen Teil wahrnehme, so wie ICH eine Menschheit BIN, aber eben auch spüre, dass ich durch ein bewusstes Ich in der Mitte dies alles (auch) nicht bin, wenn ich mich nicht damit identifiziere. Das „Bewusste Ich“ ist verbunden mit allen meinen persönlichen Anteilen wie auch gleichzeitig mit der Ebene der ewigen Ruhe und Stille, was einem Gefühl größter Wachheit und Entspanntheit gleichkommt. Wenn wir uns so z.B. jetzt gerade von „Bewusstem Ich“ zu „Bewusstem Ich“ unterhalten, ist alles, wirklich alles möglich. Es gibt keine persönlichen Vorbehalte, keinen Widerstand, – und gleichzeitig doch eine gesteigerte Wahrnehmung von genau all diesen Anteilen in mir, welche aber durch die innere Wahrnehmung relativiert werden – nicht verdrängt, sondern vollumfänglich in mir selbst ver- und beantwortet.

Sebastian: Steiner würde dazu sagen (und ich glaube Wilber könnte es unterschreiben): „Alles Äußere wird Inneres geworden sein. Vergöttlichung ist Verinnerlichung. Verinnerlichung ist Vergöttlichung. Das ist das Ziel und der Sinn des Lebens.“

Cordula: Ich möchte an der Stelle wirklich betonen, dass es nicht nur um Schatten und um negative Auswirkungen der personalen Egoebene geht. Es geht auch um eine Vielheit und Fülle aller Kräfte und Formen, welche diese Welt so lebenswert machen. Das „Bewusste Ich“ ist eine seelenruhig ordnende Instanz, welche immer im Prozess ist und den Mut schafft, offen auf verdrängte Anteile in sich zu blicken. Es steht mitten drin, im ganzen Sturm der Widersprüchlichkeiten und Polaritäten. Wenn ich mit dir jetzt aus diesem „Bewussten Ich“ spreche, höre ich meine ganze Widersprüchlichkeit, meine spirituellen Aspekte, meinen Antreiber, meinen Perfektionisten – und weiß, dass es letztendlich doch keine Möglichkeit gibt, ganz vorbehaltslos mit dir zu sein, außer in dem Teilen der Präsenz, die wir beide gegenüber diesen inneren Anteilen wie auch denen des Andern beiwohnen. „Sitting with selves“– das ist ein unglaublicher spannender Moment der zwischenmenschlichen Begegnung.

Sebastian: Wenn das „Bewusste Ich“ aber keine Ziele hat und dennoch aktiv ist, worin besteht dann seine Aktivität?

Cordula: Das „Bewusste Ich“ist Bewusstsein über das eigene Bewusstsein, welches in Teilen in unserer Persönlichkeit aufgesplittert, fragmentiert wurde. Die Intensität der echten Ich-Bewusstheit ist eine Steigerung der Intensität von allem: Intensiver Sex, intensives Spülmaschine Ausräumen, intensives Lesen dieses Texts – und gleichzeitig bedeutet das alles einem immer weniger, eine Rückkehr in eine bedingungslose Ganzheit. Das „Bewusste Ich“ fühlt sich gleichermaßen intensiv UND ausdruckslos an. Es ist eine Intensität ohne eigenes Bedürfnis. Ganz im Gegensatz zu den Teilselbsten, welche sich immer vom Ich zum Du ausrichten, in Beziehung treten. In unserem Gespräch wird das Ich zum Du, indem wir gleichzeitig alle Ebenen der eigenen inneren Definition wahrnehmen, sie aber auch gleichzeitig loslassen. So wirst du, sozusagen zum Gras, welches du mit dem Rasenmäher schneidest.

Sebastian: Als Steiner-Schüler finde ich mich dort sehr gut wieder: „Man muss sich der Idee erlebend gegenüberstellen, sonst gerät man unter ihre Knechtschaft.“

Cordula: Ja – das „Bewusste Ich“ ist in der Lage, sich aktiv mit Idealen zu verbinden, ohne unter ihre Knechtschaft zu geraten. Das „Bewusste Ich“ tut, was zu tun ist, aber handelt aus einer allumfassenden, nichts ausschließenden Wahrnehmung. Es bezieht sich nicht mehr auf ein Ziel, sondern steht in einem unmittelbaren Flow, der sich gerade durch die Andersartigkeit eines Menschen oder einer Situation erweitert – so, dass ich mich nicht darum bemühen muss, eine umfassendere Perspektive einzunehmen, sondern stattdessen meine eigenen vielen abgespaltenen Anteile IN mir wahrnehme und dadurch eine unendliche Fülle von Möglichkeiten in jedem neuen Augenblick zulasse. Vielleicht ist dieses Zulassen, dieses wahrhaftige bejahende offene Sein der Geschmack, welcher das „Bewusste Ich“ am ehesten zu beschreiben vermag.

Cordula Mears-Frei ist transpersonale Therapeutin und arbeitet seit 18 Jahren als Voice Dialogue Facilitator und Lehrerin in eigener Praxis in Schopfheim. Sie ist Mitglied vom Spiritual Emergency Network (Rütte/Todtmoos) und Mitarbeiterin der Zeitschrift info3. Als Autorin erschien aktuell von ihr das Buch „Alchemie der Seele“.

Das Interview erschien in der Zeitschrift: Integrale Perspektiven