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Der Tod als Tür zum Leben
Die Kunst des Sterbens
Von Wulf Mirko Weinreich und Cordula Mears-Frei
Wir sind es heute gewöhnt, möglichst alles an „Fachleute” zu delegieren, auch das Sterben. Doch manchmal sind keine Fachleute vorhanden oder ein Mensch ist uns so nah, dass wir nicht möchten, dass jemand anderes sich einmischt. Und letztendlich werden auch wir selbst eines Tages sterben, weshalb es eine gute Vorbereitung sein kann, andere dabei zu begleiten und die grundlegenden Ängste, denen wir dabei begegnen in objektiver Offenheit in uns wahrzunehmen.
Inzwischen gibt es gute Bücher, die Sterbende und ihre Begleiter unterstützen, sich auf den Tod vorzubereiten, bzw. die den Hinterbliebenen helfen, dieses Ereignis zu verarbeiten.1 Auch die Phänomene der Nahtoderfahrungen sind durch die Bücher von Elisabeth Kübler-Ross, Raymond Moody und anderen recht gut bekannt. Doch wie geht es nach dem letzten Atemzug weiter?
Ist es möglich, sich innerhalb des Lebensstromes durch Meditation darauf vorzubereiten? Und wenn ja, welchen Nutzen hätte dies?
Das Tibetische Totenbuch, das Bardo Thödol, kann als Einladung verstanden werden, sich in der Mitte- wie auch am Ende des Lebens auf diesen Weg zu begeben. Der ursprüngliche Text benutzt eine metaphernreiche, symbolische Sprache, die eigentlich nur vor dem Hintergrund des tibetischen Buddhismus verständlich ist. Dazu gehört ein transpersonales Verständnis von Bewusstsein, das vielleicht ein nicht nur der Materie nachgeordnetes Phänomen ist, sondern mindestens parallel zu ihr existiert, vielleicht aber auch schon deren Grundlage bildet. Bewusstsein, nicht in Form von persönlichen Gedanken, Erinnerungen, Bilder oder Gefühle – sondern „Bewusstsein an sich” beispielsweise im Sinne Ken Wilbers oder auch „Geist“ im Hegelschen Sinne. Rudolf Steiner bezeichnet dies als „Weltengeist“. Im Buddhismus wird dieser Urgrund allen Seins als „Dharmakãya”, im Sanskrit als „Brahman” bezeichnet.
Da „reines Bewusstsein“ frei von allen Eigenschaften ist, entzieht es sich jeder Beschreibung, woraus eine Paradoxie entsteht, die im folgenden Gedicht sehr schön illustriert wird:
… das Eine, das als Zwei erscheint,
Nichts, das als Alles erscheint,
das Absolute, das als das Relative erscheint,
Leere, die als Fülle erscheint,
das Unverursachte, das als das Verursachte erscheint,
Einheit, die als Trennung erscheint,
das Subjekt, das als Objekt erscheint,
das Singuläre, das als Pluralität erscheint,
das Unpersönliche, das als das Persönliche erscheint,
das Unbekannte, das als das Bekannte erscheint.
Es ist Stille, die klingt,
Ruhe, die in Bewegung ist,
und diese Worte erscheinen als Hinweise
auf das Wortlose
… und dennoch geschieht nichts.5
Bewusstsein und Leere
Als Analogie für das reine Bewusstsein mag der östliche Begriff der „Leere” taugen, die alles Existierende als flüchtige Form enthält und gleichzeitig durchdringt. Doch auch das ist nur eine Metapher, ein Bild, ein Gestammel, um das Unnennbare auszudrücken. Schon die Idee, es würde sich dabei z.B. einfach um einen dreidimensionalen, materielosen Raum im Sinne eines Vakuums handeln, führt in die Irre, da selbst der Raum in dieser „Leere“ enthalten ist. Und auch die Zeit ist nur eine endliche Form darin. Aufgrund seiner paradoxen Natur kann GEIST mit dem Verstand nicht begriffen werden. Somit wäre erste Voraussetzung für die konkrete Annäherung an einen nachtodlich-transpersonalen Zustand, die Umwandlung von Verstand in eine noch unbekannte Fähigkeit der totalen Wahrnehmung. Die Meditationsanregungen des Tibetischen Totenbuches zeigen auf subtilste Weise, wie die Identifikation des Persönlichen (als „sinnvoller Hüter des Ichs“) einer totalitären Erfahrung im Wege steht. So umschreiben dann auch alle mystischen Religionen diese das menschliche Fassungsvermögen übersteigende, aber aller Existenz zugrunde liegende Entität mit Wörtern, die auf das Unnennbare hinweisen – sei es nun „Jahwe” (der unaussprechliche Name), „Wakan Tanka” (das große Geheimnis) oder „Tao” (das Unbeschreibbare).
Allerdings ist es manchen Menschen frei- oder unfreiwillig gegeben, diese Entität unmittelbar zu erfahren. Die Erfahrung ist absolut existentiell und wird später oft als strahlendes, gleißendes Licht beschrieben, kann aber auch innerhalb des noch nicht vorbereiteten Menschen, zu grosser Identitäskrise- und Verlust, bis hin zur Psychose, führen. Innerhalb der Naturwissenschaft nähert man sich diesem Phänomen von einer anderen Seite: Vor allem in der Quantenphysik wird die Möglichkeit diskutiert, dass unser vierdimensionales Universum in eine höherdimensionale Wirklichkeit eingebettet ist. Da unser normales Wachbewusstsein durch die vierdimensionale Raumzeit geprägt ist, hieße das, dass wir alle darüber hinausgehenden Dimensionen einfach nicht wahrnehmen können, es fehlen uns dazu die entsprechenden Sinne. Auch hier entzieht sich also die sogenannte letzte Realität dem verstandesgeprägten ich-gebundenen Fassungsvermögen..
Vorbereitung auf den Tod
In unserer westlichen Kultur ist die „Kunst des Sterbens“, die „Ars moriendi” in der starken Betonung und Pflege einer Ich-Kultur verloren gegangen. Dies beinhaltet das Festhalten an einer zeitlichen Kontinuität in der Selbstwahrnehmung der eigenen Person, was dazu führt, dass sich nur noch wenige Menschen auf den Tod vorbereiten. Die meisten verdrängen ihn und von denen, die sich vielleicht doch einmal Gedanken dazu machen, wünschen sich viele, dass er möglichst plötzlich kommen und schnell vorbei sein möge – so schnell, dass sie gar nichts davon mitbekommen. Das tibetische Totenbuch will uns an die Möglichkeit erinnern, den Tod auch als Höhepunkt des Lebens zu betrachten, als ein Ziel, in dem alles kulminiert. Seit unserer Geburt bewegen wir uns auf den Punkt zu, den man auch als Exkarnation bezeichnen könnte, um deutlich zu machen, dass es ja eigentlich nur die Umkehrung der Geburt ist.
Das Sterben ist eine Zeitspanne, in der sich zeigt, wo ein Mensch in seiner Entwicklung wirklich steht. Gleichzeitig ist diese Phase eine Chance, weitere große Entwicklungsschritte zu machen. Dieses Sterben findet gleichermassen am physischen Finalpunkt des Todes statt, wie auch an vielen kleineren Schwellenerlebissen und Abschieden, welche das Leben uns täglich bringt. Wenn wir lernen, diese alltäglichen Sterbeprozesse bewusst zu durchleben, stärken wir uns für die Erfahrung des eigentlichen Todes. Das betrifft sowohl den bewussten Abschluss des eigenen Lebens oder einer Lebensspanne, als auch die Erkenntnis der wahren Natur des eigenen Bewusstseins während des Sterbens. Letzteres zu unterstützen ist das Hauptanliegen des Bardo Thödol. Es geht davon aus, dass sich der Mensch ständig in Zwischenzuständen bzw. Übergangsphasen befindet, die es „Bardos” nennt. Das einzige, was unveränderlich, unendlich und ewig ist, ist das leere, reine Bewusstsein, das während des Sterbens als extreme Helligkeit wahrgenommen wird, welche ich hier als „klares Licht des reinen GEISTes“ bezeichne. Dieses objektive Gewahrsein, eine besondere Form von innerer Aufmerksamkeit, kann sich auch innerhalb schwerer Lebenskrisen oder Krankheitszuständen entwickeln.
Schlaf und Tod
Der tibetische Lehrer Sogyal Rinpoche betont, dass sich die verschiedenen Schlafphasen (5. Bardo) von den Todesphasen vor allem in ihrer Intensität unterscheiden – nicht umsonst wird der Schlaf als der „kleine Bruder” des Todes angesehen. Aus seiner Sicht ist Meditation (6. Bardo) die bewusste Wahrnehmung des Tagesbewusstseins – also das, was ich an anderer Stelle als „Hier und Jetzt” bezeichne. Allerdings können sehr tiefe Meditationen auch in subtile, kausale und nonduale Bewußtseinszustände führen. Deshalb kann man auch sagen, dass Schlaf ein unbewusster Ausflug während des 4. Bardos in die subtileren Zustände hinein ist, wohingegen Meditation die gleichen Zustände bewusst erlebbar macht.
Evolutionäre Reinkarnation
Weil das irdische Leben laut buddhistischer Lehre unentrinnbar von Leid geprägt ist, streben die Buddhisten danach, im Leben, spätestens aber im Moment des Todes, „erleuchtet” zu werden – also das Spiel der relativen Formen (Samsara) zu durchschauen. Diese existentielle Erkenntnis, die auch als „Erwachen“, „Erleuchtung“ oder „Befreiung“ bezeichnet wird, unterbricht den Kreislauf von Tod und Wiedergeburt. Das individuelle Bewusstsein überwindet seine Trennung und löst sich in einem leeren, unpersönlichen Gesamtbewusstsein auf: Der Tropfen fällt zurück in den Ozean. Aufgrund der Auflösung jeder individuellen Struktur endet die Linie der Seele, die man sich am ehesten als ein „Bewusstseinsfeld” vorstellen kann. Die ursprüngliche Natur des ICHs und der Seele ist nach buddhistischer Auffassung genauso leer und eigenschaftslos wie das reine „Bewusstsein an sich”, ja ist mit ihm identisch. Jede sich daraus hervorhebende Form – sei sie nun materiell-manifest oder mental-subtil, ist nur eine vergängliche Manifestation dieses reinen Bewusstseins. Eine Seelenwanderung im eigentlichen Sinne – eine über den Tod hinaus stabile Identität – wird in Tibet eher als „Betriebsunfall“ angesehen: als die Unfähigkeit des Sterbenden, bis wenigstens in die Nähe des kausalen Zustandes gekommen zu sein. Dies deutet auf mangelnde Bewusstheit oder unbewältigtes Karma hin. Der tibetische Buddhismus macht einzig mit seiner Institution der „Tulkus” eine Ausnahme davon – Menschen, die ihre wahre Natur als GEIST vollkommen realisiert haben, aber aus Mitgefühl bewusst(!) von Leben zu Leben weitergehen, um als „Bodhisattvas” anderen Lebewesen zu helfen, gleichfalls die Befreiung zu verwirklichen. Der bekannteste dieser Tulkus ist der Dalai Lama.
Die buddhistische Sterbebegleitung sieht ihre wichtigste Aufgabe darin, dem Sterbenden zu helfen, alle Identifikationen zu lösen – zuerst die mit dem Körper und danach die mit dem ICH und der Seele – und zu erkennen, dass er in seiner Essenz kausaler GEIST ist und dass Materie, Gedanken, Gefühle und Ereignisse nur vergängliche Manifestationen (Samsara) sind, die dieses reine Bewußtsein selbst erzeugt hat. Diese Erkenntnis kann ihm zur vollkommenen Befreiung verhelfen. In der letzten Phase wird der Sterbende zwar auch auf eine neue Inkarnation vorbereitet, doch geschieht dies eher widerwillig, da man eigentlich für den Toten hofft, dass er auf ewig in den kausalen Zustand eingeht.
Für die tibetische Gesellschaft, die sich über Jahrhunderte kaum verändert hat und sich in einer lebensfeindlichen Umwelt behaupten musste, war die Vorstellung einer „freudvollen Evolution” einfach undenkbar. Doch kann die „Entwicklung zu mehr Fülle” (Wilber) wie eine zweite, gleichberechtigte Richtung der kosmischen Evolution angesehen werden. Auch Rudolf Steiner lädt uns ein, den Kosmos als einen beseelten Schöpfergeist wahrzunehmen und daran aktiv mitzuwirken. Das heißt im westlichen Kontex, dass die relative Welt der Erscheinungen (Samsara) sich zu immer neuen, komplexeren Formen differenziert und sich ihrer selbst immer bewusster wird, u. a. indem wir Menschen unsere Außen- wie auch Innenwelt erforschen und gestalten und weiterentwickeln.
Selbst wenn die gesamte manifeste Welt nur ein „Traum” des reinen GEISTes sein sollte, scheint es darin also so etwas wie eine gerichtete Entwicklung zu geben. Es scheint sogar so zu sein, dass Reinkarnation ein wichtiger Mechanismus im Spiel der Evolution ist.. Und da die Evolution vom Unbewussten zum Selbstbewussten zum Überbewussten voranschreitet, kann das tibetische Totenbuch einen Erfahrungsraum öffnen – egal, auf welcher Seite der Tür man gerade steht.
Die Texte, welche das tibetische Totenbuch verwendet, können vor dem Todeseintritt vorgelesen werden, um den Sterbenden auf den ersten Zwischenzustand vorzubereiten. Gleichermassen können Sie als Meditation dienen, sich im gegenwärtigen Zustand des Lebens von Identifikationen und Verhaftungen auf der personal-astralischen Ebene zu lösen.