Der frühe Morgen im Tal

 

 

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“ Wenn ich am frühen Morgen die Pferde suche, die während der Nacht weitergezogen sind, im Unter-Holz noch die Spur der Hunde gestern auf ihrer Jagd nach Wildtieren, Hasen hoppeln gemütlich über das Feld und die Rehe stehen so nah, als wären sie Teil der grossen Pferdeherde, drehen sich kurz zu mir, äsen dann weiter.
Wenn ich, in der frühen Morgenstunde das weite Land unter mir sehe und die Stille so atemberaubend in mein Körper strömt, dann bin ich, glücklich.

 

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Wenn ich, später, die Herde gefunden habe in einem neuen lieblichen Tal zwischen steilen Hängen und Wald, spüre ich ihre Aufregung und Nervosität an diesem neuen Ort, mit all seinen Gefahren, Gerüchen und Schönheiten. Wenn ich-
versuchen wollte, ihnen ihre Wasserstelle, ein fröhlicher Bachlauf in der Talsenke frei zu machen, erfahre ich, warum sie ihn bislang gemieden haben- wenn ich, dann bis zu den Schenkeln im Schlamm versinke, des morastigen Waldboden immer noch nicht kundig und mich der schwarze Morast kurz nach unten zu ziehen droht, atme ich tief und beruhige mich, mein Wesen und rufe mein Pferd, dass mir geduldig Fläche bietet, an der ich mich hinausziehen kann. Wenn ich dann, gemeinsam mit der neugierigen Herde die sumpfigen Stellen mit grossen Hölzern belege und gemeinsam mit ihrem neugierigen, spielerischen Stupsen und Spielen über das hohe Gras laufe, die Gräser bis über die Knie und die Greifvögel die weit über uns kreischen, dann fühle ich mich Teil einer grösseren Welt, die uns freundlich gesonnen ist, wenn auch voller Gefahren. Keine der Bedrohungen, die ich oder meine Pferde und Hunde hier erleben, ist aus einem Willen erschaffen, der verletzen möchte. Instinkt, Natur und Kosmos sind in einem wilden Tanz und darin liegt immer, die Geburt und der Tod, der Frühling und der Winter, das wachsende und absterbende Gras, der Hunger, der Durst und die Fülle des Sommers. Als wir eine sanftere Stelle gefunden haben, die ohne Morast zugänglich ist stelle ich mich in den kühlen Bergbach und reiche den Pferden aus meinen Händen eine Schale geformt das Wasser, scheu sind sie noch, die steile Senke hin zum Wasser zu erproben aber dankbar saugen sie das köstliche Nass aus meinen Händen und Fingern.

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Ich knie unter ihnen, sitze jetzt mit den Oberschenkeln im Bachlauf und sehe diese mächtigen, grossen Wesen über mir, die vertrauensvoll ihre grossen Köpfe zu mir hinunter senken um dann die ganze Hand sanft in ihr weiches Maul zu ziehen. Ich schöpfe immer neues Wasser nach und ziehe die Hand jedes Mal ein wenig tiefer, bis sie auch den letzten Schritt gewagt haben und aus dem steilen Abgrund sich auf den Vorderknien zum Wasser beugen und: saufen. Ich bin glücklich, als mich später auf den Heimweg mache, die Beine von Brombeerranken und Brennnesseln, Grasmilben und Bremsen zerstochen und zerkratzt, der weite Hügel vor mir, den ich hinauf klettere, um die Herde wieder sich selbst, und ihrer Natur zu überlassen. Es ist mein persönliches Geschenk, wenn ich diese Stunden teilen darf mit einer Welt, die magisch verschlossen in den verborgenen Tälern und Bergen den Zugang nur denen öffnet, die sich nicht vom Schlamm und der Unwegsamkeit, das Grunzen der nahen Wildschweine und die Furcht vor der grossen Alleinheit beirren lassen. Wenn ich- so meinen Tag beginne, bin ich in Frieden. Mit allem Sein, das mir an diesem Tag begegnet.“ –

 

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Cordula Frei, Horses and Wilderness