csm_das-herz-des-kleinen-jaegers-laurens-van-der-post-diogenes_98c2ac6b45

Das Herz des Kleinen Jägers

Laurens van der Post

 

csm_das-herz-des-kleinen-jaegers-laurens-van-der-post-diogenes_98c2ac6b45

Das Herz des kleinen Jägers ist die Fortsetzung der Verlorenen Welt der Kalahari, aber man kann es auch als eine in sich abgeschlossene Erzählung lesen. Die verlorene Welt der Kalahari war die Geschichte einer Reise in ein großes, wüstes Land, die Geschichte einer Suche nach ein paar rein erhaltenen Überresten der einzigen und fast gänzlich verschollenen Ureinwohner meines Geburtslandes, der Buschmänner Afrikas. Ich gab in dem Buch einen kurzen Bericht über die tragische Ausrottung dieses kleinen Jägers und Schöpfers von Felsmalereien durch die schwarzen und weißen Eroberer seines ehemaligen Landes. Das Buch erzählte auch, wie wir auf einen großen Zweig seines Volkes, den Fluß-Buschmann, stießen, der bis auf wenige Gruppen ausgestorben ist, und wie wir nach einer Suche in der Zentralwüste der Kalahari mit einer kleinen Buschmann-Sippe in Berührung kamen. Das Buch schloß mit einem Bericht über unseren kurzen Aufenthalt bei den Buschmännern, über ihr Leben, ihr künstlerisches und handwerkliches Schaffen, über ihre Musik, ihre Tänze, ihre Geschichten und über den Film, den wir über sie drehten. Es endet mit unserem Abschied von ihnen an einem Ort, den wir die „Saugquellen“ nannten. Das Herz des kleinen Jägers beginnt, wo das erste Buch aufhört. Wir befinden uns auf dem Wege, der aus der Zentralwüste hinausführt. Wir sind immer noch dieselbe Gesellschaft: Jeremiah Muwenda, unser Barotse-Koch; John Raouthagall von den Bamangkwetsi, sein Gehilfe; Cheruyiot, ein Knipsigis-Träger aus Ostafrika; sein Dienstherr, Windham Vyan, ein alter Freund, der den weiten Weg über Land in einem kleinen Lastwagen zu uns gekommen war, um uns mit seinem bewährten Schießgewehr bei der NahrungsbeschafFung zu helfen; Charles Leonard, unser südafrikanischer Mechaniker und Tontechniker; Duncan Abraham, ein Schotte, unser unermüdlicher Kameramann; Dabe, ein zahmer Buschmann, der von einer Afrikaanerfamilie in der Wüste aufgezogen worden war und uns als Dolmetscher zur Verfügung stand; und Ben Hatherall, ebenfalls ein alter Freund, der schon bei mancher Wüstenexpedition mein Führer gewesen war. Nachdem die Reise durch die Wüste zu Ende war und die Reisegesellschaft sich zerstreut hatte, entdeckte ich jedoch, daß in einem gewissen Sinne die Reise noch gar nicht begonnen hatte. Ich sah mich gezwungen, eine neue Reise zu unternehmen, eine Reise in meine eigene Seele und in die Seele des entschwundenen Buschmanns. Da stand ich als Autor plötzlich vor einem Dilemma: sollte ich nicht die wirkliche von der geistigen Reise trennen und zwei gesonderte Berichte schreiben? Schließlich verwarf ich jedoch eine solche Trennung, weil sie keineswegs dem entsprach, was ich erlebt hatte. Wenn das, was ich mitteilen wollte, Wissenschaft gewesen wäre, Forschungsergebnisse oder die Studie eines Gelehrten, dann hätte ich nicht gezögert, aber ich bin für keine dieser Aufgaben qualifiziert. Ich kann für mich nur in Anspruch nehmen, daß ich vielleicht über eine einmalige Erfahrung verfüge und berechtigt bin, einen Versuch zu machen, zwar nicht Wissen aber die Erfahrung selber zu vermitteln. Ich habe endlich, so hoffe ich, erkannt, wie gefährlich und nutzlos es ist, einmal gefundene Wahrheiten verbessern zu wollen. So ist denn auch die Gestaltung dieses Buches nicht von der äußeren Handlung bestimmt worden, sondern einzig und allein durch die Art und Weise, wie mir die Erfahrung zuteil wurde. Es war eine ständige, immer wieder neue Begegnung. Das war für mich eine der bedeutsamen Begebenheiten dieser Reise, und ich fühle mich genötigt, sie zu respektieren. Aber selbst dann fanden meine Schwierigkeiten kein Ende. Als ich soweit war, daß ich Seele und Geist des Buschmanns ergründete, befand ich mich in der zwiespältigen Lage, nicht nur die Geschichte an sich erzählen, sondern sie im weiteren Verlauf auch auslegen zu müssen. Der Buschmann gebrauchte Bilder und Redewendungen, die ohne Auslegung dem zivilisierten Menschen unverständlich bleiben würden. Ich kann nicht für mich in Anspruch nehmen, daß mir dies gut oder vollkommen gelungen wäre. (…)

Dies ist ein Auszug aus dem Buch: Das Herz des kleinen Jägers, von Laurens van der Post.

Titel: Das Herz des kleinen Jägers
Autor: Laurens van der Post
Übersetzung: Leonharda Gescher
Verlag: Diogenes
Zürich, 2006
ISBN 9783257228212 / ISBN 978-3-257-22821-2
Broschur, 11×18 cm, 352 Seiten