Das freie Wesen (Auszug aus Soulskin, Cordula Frei)

 

Howling wolves --- Image by © Tim Davis/CORBIS
Howling wolves — Image by © Tim Davis/CORBIS

Kapitel 9: Der Wille zu lieben (aus Soulskin, Cordula Frei)

When you imagine with all your heart’s brilliance and meaty courage, you will be claimed by darkly-feathered hands of unchained angels who come to take you hard, down into the deep caves of what flushes your delicate skin, dampens your palms. Wakes you like a raging dream come to carry you by shimmering forces unknown. Here, you will know you have no choice. Finally. You are free. This is what you are for. If you’re ready enough, let this Trouble take you to your knees. With your sweaty full attention, imagine how you’d kiss the plump, pink lips of your tender soul. But wait. Re-member: This is not about you. You are being used by Every Thing. This is what you are for. Once re-membered, you will draw into your being the throb you came here to taste. The one way of belonging that is yours to make matter. This is what you are for. The broken-hearted, glistening hum of your taught, tangled body will give off a fragrant, unruly intelligence beyond the Machine’s measure of right, wrong, reason. This is what you are for. Do not take a seat. She is ready for you. The soul of the world will see you now. What have you come to give her?

– Melissa La Flamme

Die Taucher hatten sich, wie jeden Abend am Strand, ein Feuer angezündet und ihre Gitarren hervorgeholt. Sie fühlte sich unbeholfen, wie sie zu ihnen lief und war erleichtert, als ihre Gegenwart mit einem freundlichen Lächeln begrüßt wurde. Sie setzte sich an den ihr angebotenen Platz am Feuer und atmete tief ein.

„Du bist es immer noch gewohnt, dass du etwas Besonderes darstellen musst, nicht wahr?“ fragte sie die Stimme der Liebe sanft. Sie lächelte über ihre eigene Anspannung, die sich sofort verflüchtigte. Die Taucher lächelten ihr ermutigend zu, als hätten sie die sanfte Welle von Entspannung in ihr bemerkt. Wovor fürch-tete sie sich noch? Die Männer unterhielten sich in einer fremden Sprache und lachten ab und zu herzlich, manchmal waren sie auch längere Augenblicke still. Die Ruhe zwischen ihnen war wohltuend und angenehm warm.

„Du fürchtest dich davor, dass ich von dir und deinem Körper Besitz nehme. Du fürchtest dich vor der Hingabe deines Selbst die im Wesenskern Liebe ist an mich, die große Unbekannte, die du vergessen hast“.

Ein Schauer ließ sie frösteln. Nach ihrer Reise, hier an diesem Strand, gab es keine Verhaltensregeln mehr, auf die sie sich hätte stützen können. Niemand konnte ihr jetzt sagen, wohin diese Nacht führen würde. Alles kokettierende Verhalten war von ihr abgefallen. Wie überhaupt würde sie mit diesen Männern sprechen? Keine Angst vor Zurückweisung und keine Angst, von ihnen verlockt zu werden. Kein Drang, etwas zu tun und kein Bedürfnis, etwas nicht zu tun. Was also würde Maßstab sein für dasjenige, was zwischen ihn sein wollte? Einer der Männer schien ihren Zwiespalt zu fühlen und legte ihr kameradschaftlich eine Decke um ihre Schultern. Etwas länger als nötig hielt er dabei ihren Nacken, und sie fühlte die Kraft seiner Hände wie ein elektrischen Schlag. Er setzte sich neben sie und blickte dabei ins Feuer. Sein Körper war stark, elastisch von den vielen Tauchgängen und glänzend reingewaschen vom salzigen Meer. Voller Bewunderung blickte sie jetzt offen zu ihm und ließ die Freude über ihr Zusammensein, die sie so tief in sich fühlte, durch ihre Augen strömen. „Si, corazon“, murmelte er. Die anderen beiden waren in ihr Gitarrenspiel vertieft und sangen mit rauhen Stimmen ein Lied, das sich in immer neuen Variationen wiederholte.

‚Ich hatte Angst, zu lieben‘, dachte sie zu sich selbst. ‚Ich fürchte mich, ich fürchte mich vor dem Erhabensten, Einfachsten, Schönsten und Natürlichsten, wozu ich Mensch geschaffen bin‘. Als hätte er ihre Gedanken gehört, blickte er auf und schaute ihr direkt in die Augen. Sein Blick war sanft und voller Zärtlichkeit. Unbeugsam, still, friedvoll. Als würde er zu ihr sagen: „Endlich. Endlich hast du mich gehört. Wie lange suche ich dich schon und wie viele Äonen von Lichtjahren warte ich auf diesen Augenblick.“ Die beiden anderen legten ihre Gitarren zur Seite und schauten entspannt und friedvoll in den Himmel. Ab und zu fiel eine Sternschnuppe, und das Feuer brannte allmählich zu einer Glut. „Ich hatte Angst, mich durch Liebe zu binden“, bemerkte sie. Wie oft hatte sie die Liebe der Männer und der Menschen wie eine Vereinnahmung empfunden. Erst die Verehrung, der magnetische Sog und dann die Umkehr in das blanke Gegenteil. Sie hatte es nie verstehen können. Wenn sie liebte, so wie sie geboren war zu lieben, gab sie alles. Und sie nahm alles an. Dann aber drehte sie sich um und ging. So war es gewesen, bis zu dem Tag, wo sie blieb und ihre Seele müde wurde in dem Versprechen einer Bindung, welche die Liebe selbst nur eng und klamm machte. Der Himmel war so weit. Dankbar blickte sie nach oben. Die Liebe hatte sie in dieses grenzenlose Universum geführt, in dem sie sich so zu Hause wusste. Ihre Gliedmaßen, die elastischen Partien von Haut und Berührungsfläche, atmendes kristallisiertes Bewusstsein. Durch die Poren ihrer Seelenhaut konnte sie sich selbst hinausatmen in die Weite der kosmischen Mutter, in deren Schoss sie sich befanden. Sie saß nun angelehnt an den Mann neben ihr und war dankbar um die Wärme seines Körpers. Sie fühlte die Liebe in ihrem Körper zirkulieren, neue Bahnen formen, pulsierend, sprudelnd. Pure Lebenskraft. Tränen liefen ihr über das Gesicht, als sie sich dem Taucher zuwandte, seine langen verfilzten Rastalocken berührte und zu ihm flüsterte: „Auch ich, habe, so lange darauf gewartet. So lange. Ich war so einsam. Nun hast du mich gefunden.“

Was sagte sie da? Worauf hatte sie gewartet? Doch nicht etwa auf diesen unbekannten Mann mit seiner goldbronzenen Haut, den vielen Tätowierungen und einem sanften Blick, der immer auf die Weite des Meeres gerichtet war. War es nicht ein Anderer gewesen, der sie auf die Reise schickte? Irritiert blickte die nochmals zu dem Taucher neben ihr. Sie atmete in seine Haut und fühlte, wie zwischen ihnen dasselbe Licht pulsierte wie damals in der Steppe bei dem alten Mann. Seine Augen streiften ihren Blick und er lächelte amüsiert. „Wer bist du?“, fragte sie still. Wer ist dieser Mann, fragte ihr kleines Herz. Und die große kosmische Mutter antwortete: „Es ist der Mann, auf den du immer gewartet hast.“ In ihrem Kopf drehte sich alles, und gleich Sternenwirbeln fühlte sie einen Sog, der sie hinaus zog in die Weite des leuchtenden Sternenhimmels. Während sie in der Dunkelheit des Universums vibrierte und Raum einnahm, spürte sie die köstliche, halt spendende Kraft, die von ihm ausging. Er stocherte mit seinem Stock in der Glut des Feuers und blickte sie nicht an.

„Wirst du bleiben?“, schien er zu fragen. „Oder wirst du dich umdrehen und vergessen, alles vergessen, was an Gutem und Wahren und Schönen zwischen uns war?“ Sie zitterte erneut. Dieser Satz, sie hatten ihn so oft schon gehört. Sein Gesicht verschwamm und seine Augen wurden zu den Augen eines jeden Mannes, der sie in ihrem Leben geliebt hatte. Sie fühlte diese unfassbare Zärtlichkeit, die Bereitschaft, sie anzubeten, sich vor ihr hinzuknien und nur das Eine zu sagen: „Ich will, dass du glück-lich bist. Dafür gebe ich mein Leben“. Die anderen Männer legten sich nahe der Glut unter ihre leichten Decken und lagen so noch eine Weile mit offenen Augen, der weite Himmel über Ihnen. Sie waren Wesen der Freiheit, dem unendlichen Raum zugewandt, unbeugsam und stark, niemandem zu etwas verpflichtet. „Dein Problem, meine Liebe“, schien der Mann vor ihr zu sagen, „dein Problem war immer nur, dass du nicht wusstest, wohin, mit dieser Liebe“. Nun schluchzte sie ungehemmt und sie legte ihren Kopf auf seinen Schoss. Sie erinnerte sich an alles, was geschehen war. Wie viele Äonen von Jahren hatte sie diesen winzigen Erdplaneten geatmet und in Geburtswehe hervorgebracht. Und i-rgendwann hatte sie vergessen, wer sie war. Sie hatte den himmlischen Geliebten vergessen und ihren Ursprung und war so tief in die Materie der Erde eingetaucht, dass sie vergaß, wer sie war und wozu sie bestimmt war. Wie viele Jahre hatte sie dort, gebannt in die Materie, selbst gewartet auf diesen Tag? Er hielt sie eine Weile und streichelte sanft ihren Kopf, bis auch er fühlte, wie eine neue Kraft durch ihren Körper floss. Sanft zog er sie hoch, blickte ihr durchdringend in die Augen und schien zu sagen: „Verneige dich niemals wieder vor mir“. Er neigte sein Haupt und legte seine Hände auf ihre Schultern. Sie berührte seine Schultern mit ihren Händen und blickte ihm fest in die Augen. „Ja“, sagte sie. „Ja, ich segne dich fortan“. Ich will dich segnen. Und während sie seine Schultern hielt und ihn segnete, sah sie seine Tränen und die Tränen aller Männer und sie wusste, es war vollbracht. Die Liebe würde niemals wieder heimatlos sein auf Erden.

In der Nacht träumte sie von der jungen Frau, die verstoßen am Meeresgrund gelegen hatte und immer wieder von einem Fischer, der sie suchte. Der alte Mythos trat in ihren Traum und erzählte ihrer Seele die Geschichte, wie es war, als; … die Jahre vergingen, bis sich niemand mehr daran erinnern konnte, gegen welches Gesetz das arme Mädchen verstoßen hatte. Die Leute wussten nur noch, dass ihr Vater sie zur Strafe von einem Felsvorsprung ins Eismeer hinabgestoßen hatte und dass sie ertrunken war. So lag sie für eine lange Zeit am Meeresboden. Die Fische nagten ihr Fleisch bis auf die Knochen ab und fraßen ihre kohlenschwarzen Augen. Blicklos und fleischlos schwebte sie unter den Eisschollen, und ihr Gerippe wurde von der Strömung um- und umgedreht. Die Fischer und Jäger der Gegend hielten sich fern von dieser Bucht, denn es hieß, dass der Geist der Skelettfrau dort umginge. Doch eines Tages kam ein junger Fischer aus einer fernen Gegend hergezogen, der nichts davon wusste. Er ruderte seinen Kajak in die Bucht, warf seine Angel aus und wartete. Er ahnte ja nicht, dass der Haken seiner Angel sich sogleich in den Rippen des Skeletts verfing! Schon fühlte er den Zug des Gewichts und dachte voll Freude bei sich: ‚Oh, welch ein Glück! Jetzt habe ich einen Riesenfisch an der Angel, von dem ich mich für lange Zeit ernähren kann. Nun muss ich nicht mehr jeden Tag auf die Jagd gehen.‘

 

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Das Skelett bäumte sich wild unter dem Wasser auf und versuchte freizukommen, aber je mehr es sich aufbäumte und wehrte, desto unentrinnbarer verstrickte es sich in der langen Angelleine des ahnungslosen Fischers. Das Boot schwankte bedrohlich im aufgewühlten Meer, fast wäre der Fischer über Bord gegangen, aber er zog mit aller Kraft an seiner Angel, er zog und ließ nicht los und hievte das Skelett aus dem Meer empor. „Iii, aiii“, schrie der Mann, und sein Herz rutschte ihm in die Hose hinunter, als er sah, was dort zappelnd an seiner Leine hing. Er versetzte dem Scheusal einen Hieb mit seinem Paddel und ruderte, so schnell er es im wilden Gewässer vermochte, an das Meeresufer. Aber das Skelett hing weiterhin an seiner Angelleine, und da der Fischer seine kostbare Angel nicht loslassen wollte, folgte ihm das Skelett, wohin er auch rannte. Über das Eis und Schnee; über Erhebungen und durch Vertiefungen folgte ihm die Skelettfrau mit ihrem entsetzlich klappernden Totengebein. „Weg mit dir“, schrie der Fischer und rannte in seiner Angst geradewegs über einige frische Fische, die jemand dort zum Trocknen in die Sonne gelegt hatte. Die Skelettfrau packte ein paar dieser Fische, während sie hinter dem Mann hergeschleift wurde, und steckte sie sich in den Mund, den sie hatte lange keine Menschenspeise mehr zu sich genommen.

Und dann war der Fischer in seinem Iglu angekommen. In Windeseile kroch er in sein Schneehaus hinein und sank auf das Nachtlager, wo er sich keuchend und stöhnend von dem Schrecken erholte und den Göttern dankte, dass er dem Verderben noch einmal entronnen war.

Im Iglu herrschte vollkommene Finsternis, und so kann man sich vorstellen, was der Fischer empfand, als er seine Öllampe anzündete und nicht weit von sich, in einer Ecke der Hütte, einen völlig durcheinandergeratenen Knochenhaufen liegen sah. Ein Knie der Skelettfrau steckte in den Rippen ihres Brustkorbes, das andere Bein war um ihre Schultern verdreht, und so lag sie da, in seine Angelleine verstrickt.

Was dann über ihn kam und ihn veranlasste, die Knochen zu entwirren und alles vorsichtig an die rechte Stelle zu rücken, wusste der Fischer selbst nicht. Vielleicht lag es an der Einsamkeit der langen Nächte, und vielleicht war es auch das warme Licht seiner Öllampe, in dem der Totenkopf nicht mehr ganz so grässlich aussah, aber der Fischer empfand plötzlich Mitleid mit dem Gerippe.

„Na, na, na“, murmelte er leise vor sich hin und verbrachte die halbe Nacht damit, alle Knochen der Skelettfrau behutsam zu entwirren, sie ordentlich zurechtzurücken und sie schließlich sogar in warme Felle zu kleiden, damit sie nicht fror. Danach schlief der Gute erschöpft ein, und während er dalag und träumte, rann eine helle Träne über seine Wange. Dies aber sah die Skelettfrau und kroch heimlich an seine Seite, brachte ihren Mund an die Wange des Mannes und trank die eine Träne, die für sie wie ein Strom war, dessen Wasser den Durst eines ganzen Lebens löscht.

Sie trank und trank, bis ihr Durst gestillt war, und dann ergriff sie das Herz des Mannes, das ebenmäßig und ruhig an seiner Brust klopfte. Sie ergriff das Herz, trommelte mit ihren kalten Knochenhänden darauf und sang ein Lied dazu. „Oh, Fleisch, Fleisch, Fleisch“, sang die Skelettfrau. „Oh, Haut, Haut, Haut“. Und je länger sie sang, desto mehr Fleisch und Haut legte sich auf ihre Knochen. Sie sang für alles, was ihr Körper brauchte, für einen dichten Haarschopf und kohlenschwarze Augen, eine gute Nase und feine Ohren, für breite Hüften, starke Hände, viele Fettpolster überall und warme, große Brüste.

Und als sie damit fertig war, sang sie die Kleider des Mannes von seinem Leib und kroch zu ihm unter die Decke. Sie gab ihm die mächtige Trommel seines Herzens zurück und schmiegte sich an ihn, Haut an lebendige Haut. So erwachten beide, eng umschlungen, fest aneinandergeklammert.

Die Leute sagen, dass die beiden von diesem Tag an nie Mangel leiden mussten, weil sie von den Freunden der Frau im Wasser, den Geschöpfen des Meeres, ernährt und beschützt wurden. So sagt man bei uns, und viele Leute glauben es heute noch.

War sie am Ende ihrer Reise angekommen?

kapitel 10: Der neue Morgen

„Letzte Nacht kam es dann wie eine Antwort: Es war, als ließe man mich das MITTEL leben, diese Lüge in Wahrheit zu verwandeln, das war so freudig … Es kommt offensichtlich einer Schwingung der Freude [in den Zellen] gleich, die fähig ist, die Schwingung der Lüge aufzulösen und zu überwinden. Es war sehr klar: Nicht die Anstrengung, nicht die Rechtschaffenheit, weder Skrupel noch Starrheit vermögen das – nichts von alledem – das hat überhaupt keine Wirkung auf diese Traurigkeit (es ist eine Traurigkeit) der Lüge, es ist etwas so Trauriges, so MACHTLOSES, so Jammervolles … (…) 

Nur eine Schwingung der Freude vermag das zu ändern. Es [ist] eine Schwingung, die wie silbriges Wasser fließt.

Das bedeutet, dass weder Strenge noch Askese, nicht einmal eine intensive und strenge Aspiration, jede Art von Strenge, dass all das keinerlei Wirkung erzielt – die Lüge bleibt im Hintergrund bestehen, ohne sich zu rühren.

Nur dem Sprudeln der Freude kann sie nicht widerstehen. Ich hatte sogar die Vision von der Art und Weise, wie die Zellen im Innern vibrieren: Es war eine ganz silbrige, sprudelnde, bebende, aber sehr gleichmäßige und präzise Schwingung. Wie soll ich es erklären? … Es war in den Zellen der Gegensatz zu Lüge. Es war wie winzige Explosionen silbrigen Lichts.“

– Mirra Alfassa

 

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Der neue Morgen weckte sie mit der Farbe von Koralle. Ihr Schlaf war tief gewesen und erwachte mit einem Gefühl von Zufriedenheit und Freude. Sie wusste, etwas war geschehen in dieser Nacht, was hinter dem verborgenen Schleier der Dunkelheit darauf wartete, sich im Licht ihres Bewusstseins zu offenbaren.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber ihr Licht färbte den schwarzen Strand, die Lavamassen und der weiße Meeresschaum in perlmuttfarbenen Glanz. Die Taucher waren weiter gezogen und hatten sie fürsorglich zugedeckt. Im Feuer glühte die letzte Wärme der Nacht, und noch war der Mond zu sehen und einzelne Sterne, die gerade verblassten. Was war in dieser Nacht geschehen? Sie erinnerte sich an eine Berührung, die voller Anmut und der Empfindung von Heimkehr durchwoben war. Sie spürte die Wärme des Mannes, in dessen Armen sie geschlafen hatte und seine sanfte Hautoberfläche, die ihr ein Gegenüber aber keinen Widerstand geboten hatte, Haut, die mit Haut verschmolzen war und zwei Wesen, die zu Einem ineinander fanden, sich wieder lösten, ohne Willen, der festhalten würde oder einer Geschichte, die den Verlauf der Dinge bestimmen wollte. Es war perfekter Friede in ihrem Körper und eine so große Stille, als wäre auch das Geräusch der Brandung Teil ihres Selbst.

„Ich bin die Stille“, dachte sie, „höre alle Geräusche und lasse sie durch mich hindurchziehen, atmend, ohne ihnen einen Namen oder eine Bedeutung zu geben. Was geschieht mit mir? Und da ist diese Freude, deren Sinn ich nicht erforschen kann. Sie sprudelt aus mir hervor.“

Ich! Ich bin … aber wo ist alles andere geblieben? Sie blickte noch einmal in den Umraum, sah die Felsen und das Meer und sah doch nur noch sich selbst als ein erweitertes Sein, in einem großen Atem, ein Raum gewahr seiendes Selbst im Umraum des fleischgewordenen Kosmos.

‚In mir kämpften Freiheit und Identifikation‘, dachte sie weiter. ‚Etwas in mir glaubte, ich wäre tot. Bin ich tot?‘ Sie spürte das Leben in jeder Zelle pulsieren. ‚Etwas sucht nach etwas, woran es sich identifizieren und orten kann.‘ bemerkte sie. Sie beobachtete das Bestreben und musste laut auflachen, wild und kräftig, sodass ihr ganzer Körper vibrierte. Wie unsinnig ihr Bemühen war, in die Identifikation zu einem geformten Selbst zurückzufinden. Wollte sie das denn? Jetzt noch, nach dieser Nacht?

 

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‚Ich bin Nichts‘, dachte sie und fühlte dabei eine Innigkeit von Liebe zu der Schönheit die sie umgab, die ihren Körper zu zerreißen drohte, sobald sie sich kontrahierte und getrennt von dem sanften Rauschen der Wellen dachte. Sie bemerkte, dass dies nicht zutraf. ‚Ich bin nichts und zugleich alles‘, ergänzte sie und mit einem neuen Humor fügte sie lächelnd hinzu: ‚und durchaus: Vieles.‘ Sie spürte die Variablen und Möglichkeiten in ihr, die Bezüge und Fragmente die Eins geworden waren und sie fühlte diese neue unfassbare Liebe, die sich ausbreitete. Wie ein Virus ging der Strom der Liebe durch ihren Körper und schien alles zu zersetzen, was sich ihm widersetzte. Sie bemerkte trotz dieses Vorgangs, wie ihr alle Ebenen des menschlichen Seins nicht fremd geworden waren, sondern vielleicht sogar deutlicher bewusst,  als wären sie in von einem golden leuchtenden Licht umrahmt in einer Intensität, die wunderbar frisch leuchtete. ‚War ich einst wütend, verletzt?‘, fragte sie sich nachdenklich.

‚Ich bin, und auch Wut ist‘, dachte sie und beobachte sorgsam, wie die Wut im Gefäß ihres Gewahrseins Form annahm, sich ausbreitete und einer eigenen Dynamik folgend Wege durch ihren Körper suchte. ‚Ich widerstehe der Tendenz, die Wut festzuhalten, sie einzuordnen‘, bemerkte sie und sah zu, wie jetzt die Liebe der Wut begegnete, als wäre sie ein Defragmentionsprogramm dem sie ohnmächtig gegenüberstand. ‚Was wird Wut jetzt‘, fragte sie sich neugierig, ‚wenn sie sich weiter zersetzt und ich nichts tun kann, als es beobachtend geschehen zu lassen?‘

Sie bemerkte, wie aus der Verwandlung von Wut durch die Pulsation der in ihrem Körper zirkulierenden Liebe eine Kraft entstand, die fast erschreckend zornig war. Damit hatte sie nicht gerechnet. Die Wut löste sich nicht auf, sondern wurde zigmal stärker, intensiver, ja bebte nun in ihren Muskeln und schien aus ihren Augen zu lodern.

‚Ist diese Wut noch etwas anderes, als Liebe?‘, fragte sie sich. ‚Was unterscheidet jetzt noch Liebe zu Wut, diese Wut, die sich anfühlte wie heiliger Zorn, wie eine Instanz von Gerechtigkeit, Moral sogar; dies alles‘, dachte sie, ‚wenn ich weder Liebe noch Wut personalisiere. Es gehört mir nicht mehr. Ich habe mein Anrecht darauf gestern Nacht abgetreten. Dieses Ich, welches Anspruch fühlte auf die Besitznahme von etwas, es war tatsächlich gestorben, es war in dem Meeresschaum aufgelöst‘, fassungslos blickte sie auf ihren Körper als könne sie es kaum fassen, dass sie trotz allem noch da war, in Fleisch und Blut.

‚Was geschieht mit meinem Impuls der Liebe?‘, fragte sie sich.

‚Der Impuls gehört Dir nicht mehr‘, antworte das Meer und das Firmament gleichzeitig. ‚Du bist in uns. Und wir in dir. Du hast dein Anspruch auf Liebe abgetreten. Du hast dich bereit erklärt, in uns hinein zu sterben, damit wir Liebe in Dir auferstehen lassen.‘

‚Wir, uns?“, fragte sie sich. „Wer ist wir?‘

‚Wir werdenden Grenzenlosen. Das Gefängnis der Identifikation mit etwas weitet sich aus. Wir, das ist: Die Menschheit der Zukunft‘, hörte sie das Universum antworten.

Sie fiel ganz in diese tiefe Stille. Stille umhüllte sie, umarmte sie, liebte sie, Frieden in dieser Stille und keine Angst mehr. Hier, nachdem sie den Abgrund der totalen Einsamkeit überquert hatte, jetzt war sie in dem Land angekommen, wo jeder Antrieb zur Handlung weggefallen war und nur noch Wille in ihr loderte, flammender Liebe Ausdruck zu schenken.

Sie blickte um sich und wurde gewahr, dass sie nichts mehr trennte von dem Umraum und dem Anderen. Nichts hatte sich verändert und alles bleibt, wie es war. Nur der Schleier, der sich zwischen sie und das Andere schob, in der Illusion von Trennung lüftete sich nun vollkommen. Ganz sie Selbst zu sein, und gleichzeitig ganz sich selbst vergessen, verloren zu haben, welch Paradox.

Keine persönliche Motivation? Absolute Motivation!

‚Du wirst spüren und fühlen, dass Du selbst die Antwort bist, auf die die Erde wartet. Du hörst auf Suchender zu sein und wirst gefunden‘, hörte sie in ihr Herz sagen.

Und sie wusste, sie war am Ende ihrer Reise angekommen.

 

artwork Carter Murdoch
artwork Carter Murdoch

kapitel: 11 Das freie Wesen

„Some day, if you are lucky, you’ll return from a thunderous journey trailing snake scales, wing fragmentsand the musk of Earth and moon. Eyes will examine you for signs of damage, or change and you, too, willwonder if your skin shows traces of fur, or leaves, if thrushes have built a nest of your hair, if Andromeda burns from your eyes. Do not be surprised by prickly questions from those who barely inhabit their own fleeting lives, who barely taste their own possibility, who barely dream. If your hands are empty, treasureless, if your toes have not grown claws, if your obedient voice has not become a wild cry, a howl, you willreassure them. We warned you, they might declare, there is nothing else, no point, no meaning, no mysteryat all, just this frantic waiting to die. And yet, they tremble, mute, afraid you’ve returned without sweetelixir for unspeakable thirst, without a fluent dance or holy language to teach them, without a compassbearing to a forgotten border where no one crosses without weeping for the terrible beauty of galaxiesand granite and bone.

They tremble, hoping your lips hold a secret, that the song your body now sings will redeem them, yet theyfear your secret is dangerous, shattering, and once it flies from your astonished mouth, they–like you–must disintegrate before unfolding tremulous wings.“

-The Return by Geneen Marie

 

Carter Murdoch
Carter Murdoch

Das kosmische Herz sprach fortan in ihr. Manchmal war es ungewohnt, weil sie dem, was durch sie hindurch nach Worten suchte, blind vertrauen musste. Lange Pausen des inneren Zuhörens wurden zur gewohnten Praxis. Sie war zurückgekehrt unter die Menschen und liebte sie in einer vollkommen neuen Weise.

Wenn sie sprach, hörte sie sich selbst sprechen und stand dem gleichsam wie eine Fremde gegenüber. Ihre Stimme war b-rüchiger geworden und tiefer. Manchmal war sie so fremd, dass sie sich selbst erschreckte. Oft dachte sie lange darüber nach, was durch ihren Mund zum Ausdruck fand und allmählich gewöhnte sie sich an die merkwürdige Verbundenheit des Denkraumes mit der Mitte ihres Herzens. Sie gewöhnte sich daran, nicht zu wissen, wohin etwas führen würde, was sie in den Raum brachte. Sie lernte zu vertrauen, dass jenes was durch sie sprach, nach einiger Zeit auch Ausdruck fand im Anderen, wenn sie nur geduldig genug darauf wartete und nicht drängte. Sie erschrak nicht mehr über die Strenge, welche sie manchmal zum Ausdruck brachte und sie schämte sich nicht länger über die Unbeugsamkeit, mit der sie eine Wahrheit vertreten konnte, ohne sich dafür zu rechtfertigen. Und manchmal verbrachte sie viele Stunden in einem Zustand des Friedens und Ruhe, der zeitlos und ewig war. Ihr Körper dehnte sich aus, umhüllte den Kosmos und was sie in ihr Herz atmete, erfuhr einen leisen Windhauch von Erfrischung und Bewegung. Fragen hörte sie lange, bevor sie direkt an sie gestellt wurden und ihre Antworten bezogen sie selbst immer genau so mit ein, wie die offenen Stellen im Fragenden.

„Ich fühle Schmerz, ich bin verletzt“, sagte einer derjenigen, die bei ihr um Rat suchte.

„Statt mich in dieses Feuer hinein zu verlieren, fühle ich den ganzen Schmerz, aber beobachte mich genau in diesem Erleben. Ich beginne somit, mich selbst als Zeuge in all meinen Handlungen und Emotionen in meinem eigenen Sosein zu erfahren. Da ist Schmerz; ich bin es, aber ‚Ich‘ bin es nicht. Der Schmerz ist in mir. Ich werde zum stillen Gefäß für diesen Schmerz. Ich meditiere ihn nicht weg, aber ich erlaube meinem Gewahrsein, dem Schmerz bin in alle Tiefe auf die Spur zu kommen“, würde sie vielleicht antworten. Dabei rührte sie in ihrem Topf, wo sie Essen für die Kinder zubereitete oder sie war damit beschäftigt, die verwelkten Blüten im Garten mit ihren Händen abzuzupfen.

„Dieser Augenblick ist Freiheit und Tod in einem. Ich verzichte darauf, den Schmerz mir Eigen zu machen. Ich verzichte darauf, ihn einzuordnen, etwas mit ihm zu tun, ich erlaube keiner Handlung, aus diesem Schmerz in Aktion zu treten. Ich atme den Schmerz in mir.“ Manche dieser Gespräche fanden im Innern ihres Herzens statt und sie überprüfte nie, ob derjenige der die Frage gestellt hatte, die Antwort erhielt. Sie lächelte leise zu den Blumen und Gräsern und hielt sich nicht weiter damit auf. Das Leben wurde einfach. Ihr Herz klopfte in einem großen Eingebundensein, welches keine Zwänge mehr kannte. Sie hörte den Trotz und die Empörung derer, die früher mit ihr gegangen waren. „So einfach kann es doch nicht sein!“, sagten sie dann laut, wenn sie zu ihr kamen um Rat zu suchen: „Mein Problem ist groß. Es ist größer, als du dir vorstellen kannst!“

Sie fühlte der ungestümen Berechtigung der Worte nach. Ja, es war so viel Schmerz in dieser Erde. So viel Dunkelheit, Unwissenheit und Verwirrtheit in unserer menschlichen Existenz. Sie schaute auf die Berge, die im Abendrot dunkel leuchteten, bevor sie sich dem Fragesteller zuwandte: „Ja, Dein Problem mag groß sein. An dieser Stelle spüren wir sehr genau, wie unser Ego daie einfache Freude nicht will. Es möchte Berechtigung, für die eigene Verletzung, es sucht einen Schuldigen, eine Ursache, es möchte handeln, es will mit dem Schmerz deine Identität erhalten. Unser Ego erschrickt und entspannt sich auf wundersame Weise, wenn wir stattdessen dem Schmerz sein Sosein gewähren, uns aber still und gelassen gleichzeitig des Ortes bewusst sind, der nie verletzt werden konnte. Siehst du das Licht da draußen, wie es die Bergkette berührt, und hast du den ersten Frühlingsvogel vorhin gehört, als du durch den Wald spaziert bist auf dem Weg zu mir?“ Prüfend blickte sie in ihrem Herzen auf den Fragesteller und sah, wie sich sein Schmerz etwas beruhigte, die Wellen der Empörung wurden sanfter. Einige Atemzüge wartete sie noch, bevor sie fortfuhr:

„Das, wo wir uns gerade treffen, von Herz zu Herz, hier ist die Geburtsstelle von Freiheit.“

Sie setzte sich für einen Augenblick an den Küchentisch und blickte nochmals aus dem Fenster. Die Luft war gefüllt mit vibrierender Intensität und sie fühlte wohl den Widerstand in der Seele des Anderen, in diesem inneren Gespräch einen Schritt weiter zu gehen.

„Schau“, sagte sie einladend. „Eine Wolke zieht auf am Himmel unseres Gewahrseins. Vielleicht ist diese Wolke heute deine Verletztheit. Wir beobachten ihre Entstehung und ihren Verlauf. Wir sind gleichzeitig aber auch der Himmel, die Weite der kosmischen Grenzenlosigkeit, in welcher die Wolke sich zeigt. Lass das Bedürfnis fallen, etwas darüber Wissen zu müssen. Wissen ist eine Folge von angesammelten Erfahrungen, die wir mit unserem Denken prozessieren und in unserem Gehirn verknüpfen.“

Sanft nahm sie seine Hand und hielt sie für einen Augenblick. Beide blickten sich lange in die Augen, sie konnte fühlen, wie er sich entspannte und der Stille des weiten Raumes vertrauen lernte.

Nach einer Weile verabschiedete sie sich und begleitete ihn noch zur Türe. Ein Besucher, wie viele in diesen Tagen. Manchmal wusste sie nicht, ob ihr Gespräch still und leise oder wirklich in Worten gesprochen wurde. Als er sich bedankte und zum Aufbruch anschickte sagte sie:

„Das Problem des Wissens ist, dass die Erfahrungen der Vergangenheit unsere Gegenwart kontrolliert und unsere Zukunft formen möchte. Vertraue einer höheren Perspektive, welche dein Leben führt. Wage es, nicht zu wissen. Spring in das dir Unbekannte.“

Sie bemerkte die Geduld, welche sich in ihrem Wesen ausgebreitet hatte. Sie lernte zu unterscheiden, dass die Seele der Menschen unterschiedlichen Reifegraden und Entwicklungsphasen unterlegen war, welche sie nicht stören durfte. Was konnte sie schon anderes mitteilen, als das, was sie in ihrem Körper, in ihrem Wesen selbst zu fühlen gelernt hatte. Sie lächelte oft und schwieg manchmal über viele Tage. Immer öfter hörte man sie sagen: „Ich weiß es nicht“.

Und immer öfters wagte sie etwas zu tun, was sie nie zuvor getan hatte. Still lief sie dann am Morgen über die Felder und grüßte die Sonne, welche mit jedem Tag andere Lichtspuren über die nahen Berge zeichnete, sie verweilte und schlief, wenn sie friedvoll ein wenig Rast suchte, an einen Baum gelehnt oder im weichen Gras und die Welt trat ihr einfach und klar entgegen. Dabei beobachtete sie die menschliche Gewohnheit, den wachenden Tag gewaltsam und bevor er überhaupt begonnen hatte, sich zu offenbaren, mit Plänen und Strukturen in eine Form zu drängen. Sie nahm wahr, wie der Tag einen eigenen Zauber, eine Stimmung und eine Entwicklung mit sich brachte, auf die es sich lohnte zu vertrauen. Immer mehr lauschte sie den Träumen nach, wo Nacht und Tagbewusstsein in sanften Übergängen nicht mehr deutlich zu unterscheiden waren und die Intelligenz des Unbewussten welches sich in Traumsequenzen nieder schrieb in ihre Seele wurde ihr zum willkommenen Lehrer. Der Tag verlief in sanften Kurven, hin und her strömend ohne lineare Folge und immer mehr vertraute sie dem erst ungewohnten Strömen von Kräften und Rhythmen, die in sich selbst den Sinn des Tages und ihres Werdens begriffen.

‚Unser Denken kann zu einer Form der Kontrolle über den Lauf der Dinge mutieren, der in einem selbsttätigen Mechanismus, welcher uns durch das daraus gebildete Wissen vor der Unbefangenheit unseres reinen Selbst entfremdet‘, dachte sie, als sie in dieser Weise einige der alltäglichen Verrichtungen ausführte, dabei aber das strömende Pulsieren in ihrem Wesen nicht mehr verlor.

Es wurde zu ihrer alltäglichsten Erfahrung, dass der einzige Weg ‚Etwas‘ zu wissen, das Bekenntnis war, nichts zu wissen und in tiefster Erschütterung darüber dem Leben selbst in die Augen zu blicken.

Wenn sich dort, die Gnade einer Intelligenz in ihren stillen Denkraum herabsenkte, wurde Wissen zu einem Ort der Stille, der zugleich, tiefstes Mitgefühl und Liebe war und den Andern niemals ausschließen konnte.

‚Dieses Denken ist immer ein Wissen, welches darüber weiß, dass jedes menschliche Gehirn dazu erschaffen ist, diese Fähigkeit auszubilden‘, dachte sie. Wie atemberaubend schön. Makellos und rein.

Kapitel 12: Die Evokation der Liebe

 

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Und die Zukunft der Liebe sprach:

Es gibt eine Liebe

die über jede Liebe erhaben ist,

die Leben überdauert.

Zwei Seelen aus einer entstanden.

Vereinigt wie zwei Flammen.

Identisch – und doch getrennt.

Manchmal zusammen, durch Gefühl und Verlangen verschweißt.

Manchmal getrennt, um zu lernen und zu wachsen.

Aber einander immer wieder findend.

In anderen Zeiten, anderen Orten.

Wieder und wieder…

– Überlieferung aus dem 6. Jahrhundert vom japanischen Patriarchen Tatsuya

Am Ende ihrer Reise angekommen wusste sie nicht mehr, was der nächste Tag bringen würde. Sie hörte den Vögeln zu und roch die laue Luft, welche viel zu früh in diesem Jahr den Frühling kündete. Die Sonne schien warm und ihre Schritte waren beschwingt und leicht, wenn sie über das Feld lief. Würde sie je wieder so lieben, wie sie immer gehofft hatte zu lieben, oder war ihr dieses Tor nun für immer versperrt durch die Öffnung ins Ungeformte, Weite, Offene? Würde sie noch einmal brennen, für ein Gegenüber und den frühen Morgen an seiner Seite teilen und die Hand suchen, wenn sie Trost brauchte in der Nacht? Wie würde ihr Leben nun aussehen, bar aller Pläne und Vorhaben, durchdrungen allein von der Neugierde am werdenden Sein.

Höre, höre, was die Liebe dir sagt, dir, die du sie suchst und sie hörte, und sie erinnerte sich wie in einem Traum längst gesprochene Worte:

Anders wird es sein. Es wird weniger schmerzen, denn du bist im Schmerz erwacht und weißt, dass darin Ekstase wohnt. Du bist der Spur nach innen gefolgt und hast den Ort hinter deinem Herzen gefunden, der sich nicht vor dem scheut, was der Menschen Schicksal ist. Du weißt jetzt, dass Menschsein so ist und nicht anders, und diese ziehende Sehnsucht die sich nach innen schraubt unter deine Haut hast du gelernt als Essenz zu lieben.

Ich will dir antworten auf deine Frage.

In der neuen Liebe werdet ihr zum Gefäß für das eine Ungeteilte und alles, was ihr noch für euch selber haben möchtet, wird sich verlieren, in der gemeinsamen Kraft, die ihr durcheinander potenziert, wenn ihr die alten Muster auflösen seht. Ihr werdet freudig und bereit die Herausforderungen annehmen und der Wille zu Lieben beflügelt euch darin Gewordenes umzugestalten in das, was und wie es euer ungebundenes Wesen verlangt.

In der Liebe erwacht   erschafft ihr aneinander  einen Beziehungsraum in dem ihr selbst Antwort geworden seid für den Ruf eurer Seelen. Die Liebe die euch bewegt  ist absolut bedingungslos und absolut verbindlich. Die Verbindlichkeit richtet sich nicht mehr auf euch als Person, sondern auf die Bereitschaft  euch als evolutionären Prozess selbstverantwortlich und in voller Tiefe zu bejahen.

Diese neue Beziehung bezieht sich nicht mehr auf den Andern. Sie bezieht sich auf das euch Gemeinsame zwischen euch was Werden Will gleich einem Dienst an der Evolution selbst. Dieses Dritte  beinhaltet den ganzen Zauber, nachdem ihr euch sehnt, denn der Gast zwischen euch ist die Liebe selbst. Ihr werdet beginnen, die Liebe anzubeten, und nicht eure Partner. Ihr werdet Geduld entwickeln, für seine mühevollen Schritte, so klein sie auch scheinen. Ihr werdet erbarmungslos und hart sein, wenn die Liebe es fordert und dem Andern nicht erlauben, seine alten Projektionen fortzuführen. Und ihr werdet dabei verletzt werden, immer aufs Neue, doch; wer wird verletzt? Es ist das Schwert des Todes, der das Alte besiegt und sterben lässt. Es ist ein Sterben und ihr wisst, dass es keinen Tod mehr gibt, der nicht schon in Lebzeiten vollzogen worden wäre.

Beschuldigungen, Eifersucht, Abwehr, Flucht, Isolation, Hass, Kritik, Rückzug, Angriff, Manipulation, Kontrolle. Alle diese emotionalen Strukturen seid ihr; seid ihr Menschen. Das ist eure Realität. Die eine Realität, die ihr niemals sehen möchtet. So seid ihr beschaffen, das ist der Stoff, aus dem ihr gewebt seid. Und wenn ihr ein neues Kleid sucht, eine Seelen.haut, dann muss der Stoff aus neuen Kräften erst gewoben werden, aus eurer eigenen Kraft, aus eurem Willen und aus Liebe zur kontinuierlicher Arbeit. Nicht weil ihr dann mehr lieben würdet, sondern damit mehr Liebe in euch einziehen kann. Die Kräfte dazu sind Mut, Ausdauer, Treue, Kompromisslosigkeit, Ehrlichkeit, Echtheit und Geduld.

Wenn ihr noch selektiert, wenn ihr den Einen lieber mögt als den Andern, wenn ihr ausgrenzt und filtert, wenn der Andere nur so und nicht so richtig ist, dann hat die Liebe euch noch nicht richtig durchgebrannt. Dann haltet ihr noch an Trennung, Separierung und Exklusivität fest. Vertraut euch, zur Fackel des Feuers füreinander zu werden die an der richtigen Stelle wärmt und dort brennt, wo es gut ist zu brennen.

Euer Herz wird groß genug sein, den und die Andern/e ganz seine eigenen Wege gehen zu lassen denn ihr ruht in der Gewissheit der Ewigkeit. Ihr werdet gelassen und voller Geduld wissen, dass, wohin auch immer der Andere geht, er oder sie immer neu die Liebe erfahren wird; die Liebe, die unbezähmbar, unvorhersehbar, unkontrollierbar ihre Wege nimmt und sich nicht darum schert, wie viele Tränen sie dabei verursacht. Sie fordert alles und noch mehr, sie fordert, dass aus Alles Nichts wird.

Vollkommene Leere und Stille, Geistesruhe.

In dieser vollkommenen, perfekten Ruhe, wo alles geschehen ist und nichts mehr sein muss, gebiert sie sich aus ihrer eigensten transpersonalen Kraft in das zutiefst Menschliche. Und wenn dieser Tempel geöffnet wird, um andere Menschen, Projekte, Ideen und Geistesfunken als eine neue Art der geistigen Elternschaft zu begleiten, dann feiern wird ein neues Fest der Initiation, wo sich Menschen zusammentun, in einem willentlichen Akt und nicht in einer fremdbestimmten inneren Abhängigkeit.

Dann offenbart sich das Potenzial, das auf der Erde sichtbar machen wird, wohin ihr in der Entwicklung als Nächstes gerade hinstrebt. Nichts weiter als das und dann, kommt das Nächste.

Die Offenbarung der Liebe besteht im Verzicht einer persön-lichen Interpretation des Lebens und gerade in dem Loslassen der Identifikation erwacht die Erfahrung einer einzigartigen Perspektive in der  Gott sich als Mensch erfahren will: Dancer ta Vie! Und darin bist Du gemeint- ganz zutiefst persönlich.

Evolution im Herzen fühlend atmen, während der Gedankenstrom innehält. Ein Moment jeweils der Entscheidung, zur inneren Entleerung jeglicher Zukunftsidee. An dem Punkt gleich der Winzigkeit eines Sandkorns bleibt das Gewahrsein der persön-lichen Vergänglichkeit als Idee des Verstandes gleichsam ewig. Eine aus formloser Liebe erschaffende Kraft der Möglichkeiten.

Und vor allem, vergiß nie, das Leben ist ein großes Fest. Lebe es. Genieße es. Erlaube Dir das Glück, die Freiheit zu sein, die du geworden bist. Es steht dir zu. Es steht dir zu, glücklich zu sein. Es steht dir zu, glücklich zu sein.

So sprach die Liebe und fortan sprach sie immerfort. Es hatte kein Ende und kein Beginn und an manchen Tagen erinnerte sie sich an den Kuss des Falken und wie sie es geahnt hatte: es hört niemals wieder auf. Die Liebe ist der ewige Raum in dem die Erde leuchtet wie ein Stern, wenn sich der Mensch entschliesst, sein ganzes Wesen ihrer Offenbarung Raum zu sein.

Für Kai, den besten Wolf der Welt.