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Bei den Ahnengeistern

„No, it is not a fear of making a commitment. It is a fear of facing death. If a man wants to love a woman, he has to be willing to die. He must be willing to go through the life/death/life cycle. I think it’s a misnomer to despair over the lack of commitment on the part of men, because there are plenty of women who will not commit their true self to a relationship. They make a commitment of the false self to the relationship. Some men are not to ready pursue that and wonder why things don’t feel quite right.“

– Clarissa Pinkola Estes

 

Artwork Carter Murdoch
Artwork Carter Murdoch

Der erste Abschnitt der Reise führte auf die Spuren ihren Ahninnen in das Viergesicht der Gottheit Swantewit und dem weißen Licht des slawischen Nordens. Die Türen zu diesem Land waren ihr bisher verschlossen gewesen: getrennt, abgespalten durch eine Generation von Frauen auseinander gerissen in zwei Weltkriegen.

Ein Teil ihrer Familie blieb im Osten und wendete sich den Ahnen-Wurzeln in Russland zu, der andere Teil flüchtete in den Westen und passte sich dem Fortschritt an. In ihren Träumen brannte eine Flamme für diesen Osten und rief sie mit dem Geruch von Kiefernwäldern schweissgebadet wach bis sie sich wagte, zu sehen .

Sie sah die weißen Birken am endlosen weiten Sandstrand, sie fühlte die Klarheit der Gewässer und die Undurchdringlichkeit der Wälder. Und immer wieder war es die Birke, welche sie rief sich endlich auf die Reise zu machen. Der Birkenbaum, der ihr im Traum wie ein Hüter zweier unterschiedlicher Welten den Weg aufweisen wollte zu einem Geheimnis, wie ein Künder paralleler Welten, in denen sie sich zunehmend befand und eine aufrechte Kraft die sie zu ermuntern schien, sich nicht darüber zu erschrecken. Zuweilen schien ihre Innenwelt ein derart komplexes Eigenleben zu führen, dass sie ratlos war und doch auch zunehmend neugieriger wurde, wohin diese Reise führen sollte, denn es wurde immer offensichtlicher, dass eine Kraft sie in eine bestimmte Richtung stieß oder zuweilen auch zog, von der sie sich kein Bild machen konnte, so sehr sie es auch versuchte.

 

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Das sorgsame Studium ihrer Träume wurde dabei unentbehrlicher Wegbegleiter, eine Navigation der sie sich mitunter bedingungslos anvertraute.

Als sie die schnurgerade Bahnlinie in ihren Träumen sah, die durch die Steppe immer weiter gen Osten führte  ließ sie sich mitziehen, erlaubte den Bildern tiefer und immer eindringlicher, in ihren Visionen Raum einzunehmen und den Kurs ihrer Reise zu bestimmen. Dort, als sie angekommen war an den weiten Ufern der Bernsteinküste in der bissigen Kälte des Windes, verbrachte sie viele Tage in Stille und Einsamkeit in dem Haus ihrer Vorfahrinnen, welches nun, bewohnt von Mäusen und einigen herrenlosen Katzen  ansonsten leer stand. Sie wog sich viele Monate im Schoss ihrer Ahninnen und lauschte durch die Nacht, wenn die Ahnengeister sich Geschichten erzählten unten am Feuer, denn es war bissig kalt unter dem Strohdach und der Wind pfiff durch die Ritzen des roten Gemäuers.

 

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Wegbereiterinnen waren es gewesen, Heilkundige, Geschichtenerzählerinnen, Lebenskünstlerinnen und Gelehrte, die sich weit hinauswagten in Gebiete, die in der älteren Tradition nur Männern vorbehalten waren. Die Ahninnen hatten gelernt, allein zu sein und sich gegenseitig beizustehen, in Zeiten von Verlust und Schmerz. Großfamilien, einem sich wiederholenden Muster gleich häufig ohne ein männliches Oberhaupt, die sich gegenseitig Wärme und Mut vermittelten, auch wenn es nichts mehr gab, woran man zu glauben hoffte. Wie viel Humor und Erfindungswitz hatten diese Frauen, und welch Schönheit in ihren langen olivfarbenen Gliedmaßen, der dunklen Haut der slawischen Göttinnen, ihren bernsteinfarbenen Augen und dem dichten dunklen Haar! Wie stolz trugen sie ihren Kopf und Körper und bedienten sich ihrer Intelligenz ohne Scheu vor Verlusten?

 

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So schlief sie zeitlos viele Nächte in dem Bett ihrer Urgroßmutter und fühlte sie nah, wie eine warme Kraft, die in ihren Körper strömte und sie nährte, als wäre sie ein Kind.

Ihre Träume wurden deutlicher und immer klarer, und so rief sie eines Morgens eine Vision der Nacht dazu auf weiter aufzubrechen und noch tiefer in den Osten, in die unergründlichen Wälder einzudringen, dort wo der Kiefernduft und die weißen Birken standen und weiches Moos von Blaubeeren und Pilzen durchzogen war.

Mit den drei Männern die sie geleiteten  machte sie sich auf den langen Weg in die sibirische Steppe. Nach vielen Tagen und Nächten hielt der einsame Zug in einer Lichtung. Die Schienen liefen nicht weiter keine Haltestelle; auch kein Zugführer war in Sicht. Sie fühlte sich bereit.

Wie waren sie hier hergekommen? Hatte sie jemand auf dieser Reise geführt oder war es jener gewesen, der sie in ihrer Vision zu rufen begann, seit Beginn ihrer inneren Reise ? Sie traten aus dem alten Zug und sie erkannte den Geruch. Das Moos unter ihren Füssen war weich und feucht und sie wusste, die Blaubeeren und Bären waren nah. In ihrem Rücken fühlte sie die Großmütter, welche sie bis hier her geschickt hatten, und erst jetzt bemerkte sie, wie biegsam und elastisch ihr Körper geworden war in den vielen Stunden, die sie beim Wandern und Rasten verbracht hatte.

Ruhe floss durch ihre Zellen und Muskeln wie die tiefe schwarze finnische See, an der sie so viele Tage gesessen hatte.

Vor ihr auf der stillen Birken-Lichtung im Wald stand Er, den sie seit Urzeiten kannte. Er war es gewesen, der sie in ihren Träumen gerufen hatte.

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Sie wusste, er war jener, der ihr die Medizin für ihre ungestüme Seele reichen würde, und zugleich würde auch sie ihm Heilung bringen. So war das Gesetz. Keine Gaben wurden ohne Ausgleich ausgetauscht. Uralt und zeitlos jung, ein Greis mit weißem Haar, der ihr so vertraut war wie das Leben selbst. Nur mit Mühe widerstand sie dem Verlangen, sich vor ihm auf dem Boden zu verneigen und seine Füße zu berühren. Sie atmete tief in ihr Herz und fühlte die Kraft ihres Rückgrats sich ausdehnen durch die Poren ihrer Haut. Der Wald war eingetaucht in strahlendes Licht und die milden Strahlen der Sonne die durch die Kiefern brach schien weich und dumpf dagegen. Sie bewegte ihre Hand und fühlte wie ihre Finger sich ausdehnten um die wirbelnden und pulsierenden Formationen von Licht die Materie bildeten zu berühren. Sie sah die Bäume, die nahen Tiere und den weichen Boden in einem Flimmern, welches sich beweglich zusammenfügte und wieder auflöste, so wie es die Schöpfungskraft selbst als formgebende Struktur gerade wollte. Sie hatte sich lange auf diesen Tag vorbereitet. Ihr Schoss öffnete sich in den weichen Boden hinein und zog die schlafende Kraft aus dem innersten der Erde in ihren Körper.

 

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Bevor sie ihre Begleiter warnen konnte, hatten sie sich dem Alten genähert und in seine Augen geblickt, die jetzt wie elektrischer Strom glühten. Leblos schlafend fielen sie zu Boden. Um den Alten herum wirbelten jetzt blaue Formationen von Energie, als wäre er in Blitze gehüllt.

Sie fühlte jede Faser ihres Körpers. Sie atmete tief in die Energie, die in ihrem Blut zirkulierte. Wie lange schon hatte sie diesen elektrischen Strom in ihrem Körper gefühlt. Sie wusste, dass es nicht in seiner Absicht lag, sie, oder die Begleiter zu töten. Und doch lag es im Gesetz der Dinge, dass keine Frau zuvor sein Terrain betreten hatte, wie auch, dass es seit Urbeginn der Zeit gesagt wurde, dass eine Frau dieses Gesetz würde brechen müssen, damit das geschehen konnte, wozu sie sich auf ihre Reise begeben hatte.

Auch Er war vorbereitet auf ihre Ankunft.

Es ging schnell. Aufrecht näherte sie sich der Lichtung. Sie wusste, das sie in dem Augenblick sterben würde, wo sie sich vor ihm und dem pulsierenden blauen Licht beugte, das seinen Körper umhüllte. Wie oft hatte sie seine Stimme im Schlaf gehört, die ihr immer wieder sagte: „Verbeuge dich, niemals, vor mir.“ Sie wusste, ohne dass sie es hätte erklären können, dass diese Kraft ihr eigenster Ursprung war, eine Materie, derer sie Herrin war seit Anbeginn der Zeit und welche sie nun zu sich zurückholte. Dort wo Shakti, die elektrische Vibration von Schöpfungsmaterie, wieder eins wurde mit dem Bewusstsein der weiblichen Hüterin von Leben, würde ihre Magie zurückfließen und Kraft ihrer Gedanken Welten erschaffen: Manifestationen der reinen Herzens, welche sich selbst erst hatte töten müssen, bevor es dieser Kraft gewachsen war.

 

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„Töte dein Herz, du Selbst!”, hatte er oft im Traum zu ihr gesagt. „Du musst die Wirrnis deiner Emotion durchdringen und mit der Klarheit der Gedanken erheben. Spring in den kühlen Geist des Universums und finde dich dort selbst wieder.”

Als sie vor ihm stand, blickten sie sich in die Augen. Seine Energie, jetzt spürbar einer elektrischen Starkstromleitung gleich, dehnte sich durch seine Augen in sie aus und für einen Moment waren sie verschmolzen als eines, aneinander gebunden und verbrannt,  verflucht vielleicht oder gesegnet, eine Sekunde vielleicht – oder war es Ewigkeit? –, und dann war es vorbei. Durch ihren Körper war seine Kraft tief in die Erde gedrungen, und sie fühlte die Vereinigung zweier Prinzipien, die auf wundersame Weise einst zueinander gehörten und sich verloren hatten. Sie drehte sich um und wusste, sie würde niemals, niemals zurückkommen. Ihr Anteil war vollbracht, und was die Götter mit ihren Kräften nun erschaffen würde, war für kein Menschenauge bestimmt. Sie selbst hatte eine andere Aufgabe. Ihr Körper zitterte und ihr Herz drohte zu zerbersten. So viel Kraft. So viel Liebe, die durch ihr Zentrum hindurch pulsierte.

 

 

Jeder Schritt war ein neuer Schritt von Leben, dass sich von nun an selbst erschaffen würde.

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Sie lief und rannte und wusste nicht wohin, nur wusste sie, wie schnell sie aus seinem Territorium gehen musste, um nicht zu sterben. Schon näherten sich die Bären, die Wächter der kosmischen Quelle allen Ursprungs, und noch schneller lief sie, schneller, atemlos, bis der alte Zug keuchend wie sie selbst neben ihr auftauchte und sein Tempo verlangsamte, damit sie aufspringen konnte. Müde ließ sie sich in die roten verstaubten Polster fallen und atmete schwer. Ihr Körper war jetzt ergriffen von einem Zittern, dass sich in Wellen über ihre Haut ausbreitete und so ihr Herz zum Rasen brachte. Sie schaute aus dem Fenster und sah, wie der Zug die Wälder verließ und sich die Weite der endlosen Steppe vor ihr ausbreitete. Entsetzen packte sie. War sie alleine in diesem Zug, der raste und ratterte, der nicht aufzuhalten war und offensichtlich keinen Führer hatte?

Wo fuhr er hin? Fast hätte sie die alte Frau übersehen, die in der hinteren Ecke des Waggons saß und mit dem Korb auf ihrem Schoss spielte. Ihre verschrumpelten winzigen Hände hielten ein Strickzeug, und der zahnlose Mund schien belustigt. Ihre Augen waren gesenkt, doch sie konnte fühlen, wie die Alte sie genau beobachtete. Verzweifelt suchte sie nach einem Notgriff, um den Zug zu stoppen, einen Ausgang, während die alte Frau kicherte und mit der Hand auf eine kleine Lücke wies. Dort sollte es sein? Wie war sie überhaupt in diesen Zug hineingekommen? Wo waren die Türen in diesem Zug? Und er fuhr immer weiter, schneller schien es, beschleunigte an Tempo, wie um ihr unmissverständlich aufzuzeigen, dass sie gefangen war in diesem Zug von Zeit und Raum, der in eine vorgegebene Richtung drängte.

 

 

Sie fühlte, mehr noch als vorhin im Wald, jede angespannte Faser ihres Körpers, und noch dringlicher war ihr bewusst, dass es um ihr Leben ging. Sie musste aussteigen und den Zug irgendwie zum Anhalten bringen.

Sie erinnerte sich an die Visionen, die sie seit Kindheit heimsuchten: Sie befand sich in einem Flugzeug. Kein Pilot war aufzufinden. Der drohende Absturz machte eine Notlandung nötig. Mit jedem Traum trainierte sie die Notlandung etwas mehr zunächst erlebte sie die Abstürze, den freien Fall, den Aufprall, die Explosion von Feuer und den Tod. Erst fühlte sie eine schimmernde vibrierende Masse, die sich ausdehnte und dann wieder in die alte Form ihrer gewohnten Körpers zurückdrängte. Wie oft hatte sie sich so sterben und nicht sterben sehen.

 

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Nachdem diese Visionen und eine Vertrautheit über den Ablauf dazu führten, dass sie sich nicht mehr vor dem Tod fürchtete, sich sogar freute über das angenehme Gefühl der Auflösung von Materie und dem danach so fluktuierenden, räumlich ausgedehnten Zustand des Weiterbestehens, übte sie in einer nächsten Reihe von Visionen die sorgfältige und exakte Landung des Flugzeuges, ihres Körpers oder jeweiligen Fahrzeugen durch ihr Bewusstsein. Als ihr das erste Mal in einem Traum die Landung eines Jumbojets über der Giganten Stadt Sydney sicher gelang, fühlte sie einen Durchbruch. Der fehlende Pilot im räumlichen Transportmittel hatte einen umfassenden dreidimensionalen Bewusstsein Raum gemacht, der nun ihre Traum-Geschehnisse lenken konnte.

Daran erinnerte sie sich. Und dann fühlte sie die neue Kraft, welche in der Vereinigung mit dem männlichen Hüter der Quelle im Wald gerade eben vollzogen worden war. Sie war kein Opfer  von Umständen mehr. In ihr pulsierte Handlungswillen.

 

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‚Es ist eine Illusion!‘, dachte sie sich. ‚Dieser Zug ist eine Illusion und du selbst bist die Illusion, die den Zug erzeugt. Lass dich nicht täuschen! Das einzige Reale hier ist die Alte, welche umständlich aus ihrem Korb einen roten Apfel holt, mit ihrem Rockzipfel blank wischt und mit ihrem zahlosen Mund lachend hineinbeißt, als wäre sie verrückt. Sie lacht mich aus. Sie lacht mich aus, wie sie ohne Zähne in den festen Apfel beißt und der Saft über ihr Kinn tropft. Und sie sagt: Spring, Kind. Spring. Es ist dein Leben. Du bist der Zug.‘

Und so sprang sie aus dem Zug, der auf mysteriöse Weise genau so langsamer wurde, dass sie sich sanft in das weiche Gras der Steppe fallen lassen konnte. Während sie sich rekelte, verschwanden der Zug und die Landschaft wie ein Gebilde aus Wolken, und sie fand sich wieder, wie sie unter einem Haselbusch lag, sorgsam zugedeckt mit einer Decke.

Sie war so müde. Ihre Knochen, ihre Seele, alles war so müde, dass es ihr schien, als würde sie über Wochen und Monate schlafen müssen, um zu verstehen, was sie gerade erfahren hatte, ohne Schaden zu nehmen an Körper und Geist. Sie wusch sich in dem warmen Moorteich und kroch in die warme Erdkuhle und schlief. Schlief. Und schlief.

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Auszug aus: Soulskin- Ein Weg der Liebe, Cordula Frei