Alchemie der Seele

Das Bewusste Ich

„Er muss sich erheben zu einem rein Menschlichen, das nichts mehr mit seiner besonderen Lage zu tun hat.“ Rudolf Steiner

Erkenntnis ist eine Fähigkeit der Seele und keine Sache des intellektuellen Denkens. Durch die vorangegangenen Übungen stärken wir den inneren Menschen, welcher fortwährend in Entwicklung ist. Dieser innere Mensch gleicht einem Herrscher in uns, der Wesentliches von Unwesentliches zu unterscheiden vermag. Je größer der Kraftaufwand, der nötig ist, sich zu sich selbst in ein neues Verhältnis zu setzen, umso bedeutender auch das, was damit erreicht werden kann. Im Gegensatz zum traditionellen Weg des Buddhismus blicken wir also nicht aus einem formlosen Geist auf die Manifestationen als Maya, den Erscheinungen als Illusion, sondern erarbeiten uns selbstaktiv ein bewusstes Verhältnis, welches in der neuen Selbstverantwortlichkeit wurzelt, dass ich bisher durch automatisiertes Denken das erschaffen habe, was sich mir jetzt zeigt.

Das Ausmaß an innerer Wahrheit und rückhaltsloser Aufrichtigkeit, in der ich mir selbst dabei als Fremder gegenüberstehe, bestimmt die weitere Entwicklungsfähigkeit des inneren höheren Menschen, welcher auch als Buddhanatur bezeichnet werden könnte. Dieser höhere Mensch tritt jetzt  nicht nur in ein Verhältnis zu dem rein Individuell-Persönlichen, sondern schafft Bewusstheit dafür, wie das Individuum in ein evolutionäres, allgemein-menschliches Kollektiv eingebunden ist. Indem der Mensch seine eigenen überpersönlichen Wesensanteile in einem neuen Verhältnis zu sich erlebt, kann er fühlen, wie er einer Welt zugehörig ist, die weit über sein verstandesgemäß geprägtes Selbstverständnis einer abgespaltenen und isolierten Individualität hinauswächst. Unsere herkömmlichen Sinne, mit denen wir bislang uns selbst und die Welt erfahren haben, verwandeln sich zu Instrumenten, welche den lebendigen Geist in allem hören und sehen lernen. Wir können dabei in einem lebendigen Gefühl das lieben lernen, was aus dem Geist, der alles bewegt, zu uns hineinströmt.

Übung:

In einem Augenblick der inneren Ruhe pflege ich die Stille, welche meine Seele empfänglich macht. In dieser Stille unterscheide ich zwischen den fortlaufenden Gedanken und Impulsen, die meinen Innenraum bevölkern und der „Unschuld des Geistes“, die in noch ungeformter Weise spürbar wird. Ich öffne meine inneren Augen und Ohren, die meine Aufmerksamkeit auf eine Ebene des Geistes lenken, die ich in den geformten Bildern meiner Alltagswelt sonst nicht wahrnehme.  Ich spüre dabei, wie meine Gedanken und Gefühle sich in lebendige Wesenheiten verwandeln, die als Licht und Schatten in Erscheinung treten. Ich beobachte die Wirksamkeit und das Wesenhafte dieser Erscheinungen und beobachte weiter, wie sie überall in  der Welt gleichermaßen wirksam werden und sind. Ich erkenne mich wieder in einer Menschheit, die totes Leben aufrechterhält, indem sie sich mit dem identifiziert, was aus seelenlosem Denken manifest wurde als irdische Materie. Ich sehe die Starrheit und Knochenstruktur dieses Denkens und fühle gleichzeitig dahinter die Beweglichkeit und reale Lebendigkeit des reinen Geistes.

Für dieses Bild mag die Vorstellung hilfreich sein, zwischen Erde und Welt gedanklich zu unterscheiden. Wo treffe ich überall auf Qualitäten der lebendigen Erde – wo bin ich gebunden in der Wirksamkeit der geschaffenen Welt? Was ist mein persönliches Verhältnis zu dem einen, was zu dem anderen?

Jetzt wird erfahrbar, dass der moderne Weg geistiger Schulung kein solcher ist, der das Ich in sich verschließen oder für sich entwickeln möchte. In der „Psychologie der Selbste“ wird offenbar, aus welchen inneren Teilaspekten mein Selbst eine selbstbezogene Motivation aufrechterhalten möchte, die bildhaft vielleicht auch einem spirituellen Streben nach Erleuchtung nahe kommen kann, dieses aber immer noch auf der Ebene eines ichbezogenen Interesses versucht. Dieses Streben birgt die Gefahr einer Einseitigkeit in sich, die andere oder mir noch fremde Aspekte des Menschseins ausgrenzen kann.

Auf dem Weg  einer lebendigen Seelenmetamorphose erfährt der Mensch dagegen in der Stille der Meditation, wie alles, was er an sich arbeitet, in einem Zusammenhang steht mit den großen Weltzusammenhängen. Was er arbeitet und leidet, das arbeitet er für einen größeren Zusammenhang als sein eingeschlossenes, verhärtetes Ich.

Mit der Hingabe zur Demut öffne ich meine Seele für Zusammenhänge, die mich in Bezug setzen zu einer ganzen Menschheitsentwicklung. In der willentlichen Arbeit an meinem Seelenraum schaffe ich Organe der Erkenntnis, welche mich die Wirksamkeit des Geistigen hinter der Form in der Materie spüren lassen. In der Liebe zu dem beweglichen und ungeformten Geist entstehen in mir Mut und Liebe zu einer inneren Arbeit, die mein höheres Selbst zum Erwachen bringt. Dieses höhere Selbst, das nun „Bewusste Ich“ wird so Herrscher über die Art und Weise, wie ich äußere Eindrücke und innere Konditioniertheiten auf meine Seele einwirken lasse. In der Wärme meines Herzens verwandle ich mich durch Bewusstseinskraft und durchdringe dadurch auch die Welt und alles, was meine Gedanken und Gefühle erschaffen haben.

Ich nehme mich wahr als formloser Geist und blicke gleichzeitig auf alles, was dieser Geist geschaffen hat.

Bin ich willens, dem zu begegnen, was mich als ewiger, unzerstörbarer Wesenskern führt und nicht durch meine individuelle Geburt und Tod begrenzt sein kann?

Was hindert mich daran, mich in dieser Weise mit der Welt zu verbinden? Welche Gegenkraft möchte mich in Abgrenzung und Isoliertheit als Individuum definieren?

Aus „Alchemie der Seele„, Cordula Mears-Frei, erschienen im Info 3 Verlag