Alchemie der Seele Buchbesprechung von Janos Darvas

Buchbesprechung  Cordula Mears-Frei „Alchemie der Seele“

Cordula Mears-Frei

Gedanken und Übungen auf dem inneren Weg in Anknüpfung an Rudolf Steiner. Mit einem Geleitwort von Gerhard Wehr.

Info3-Verlag
136 Seiten gebunden,
1. Auflage, Frankfurt am Main, Oktober 2010
ISBN 978-3-924391-48-5
€ 14,80

Anregungen zur praktischen geistigen Entwicklung, die allzu sehr referierend an den Formulierungen Rudolf Steiners anknüpfen, haben oft etwas Steriles. Wer lebendige Anstöße bekommen möchte,  liest besser direkt „Wie erlangt man der höheren Welten“ oder andere Texte Rudolf Steiners über Meditation und Selbstentwicklung. Anders ist es, wenn sich der Autor einer praktischen Handreichung durch Praxis und Erfahrung veranlasst sieht, individualisierte Pfade einer Wegführung zu beschreiben. Cordula Mears-Frei ist diesen Weg gegangen. Ihr Buch „Die Alchemie der Seele. Gedanken und Übungen auf dem inneren Weg in Anknüpfung  an Rudolf Steiner“ unternimmt in 17 kurzen, aber gehaltvollen Kapiteln einen Gang durch Qualitäten der spirituellen Entwicklung, der neue Zusammenhänge bewusst macht. Die Nähe zu „Wie erlangt man…“ ist die denkbar größte. Der Kern der Ausführungen orientiert sich an zentralen Themen dieses Klassikers anthroposophischen Schrifttums. Jedes Kapitel des Buches von CMF hält einen Kernsatz aus dem Grundwerk Steiners bereit, und entwickelt aus und an ihm  innere Gebärden eigener Art. Die einzelnen Betrachtungen greifen die Erfahrungen der jeweils früheren Stufe auf, und führen vorsichtig in die nächste ein.  Stimmung und Vokabular des Steinerschen Übungsbuches sind in diesen Texten mit Akzenten versehen, die   ihm kongenial entsprechen, ohne dass bloß epigonenhaft Bekanntes nachgesprochen würde. Schülerschaft ist, so scheint es,  heute im Vorhinein ein kreativer Prozess. In den Fundamenten, den Anfängen, den elementaren Gebärden des Übens kommt solch aktive Gefolgschaft glaubhaft zum Zuge, nicht  im Pathos hochgesteckt-esoterischen Sprechens. Das „Tor der Demut“, die „Herstellung der inneren Ruhe“, die „Unterscheidung von Wesentlichem und Unwesentlichem“ und manches mehr: wer  wäre nicht gelegentlich der Versuchung erlegen, bloß flüchtig über diese Themen hinwegzugleiten,   um allzuschnell „höhere“ Inhalte zu gegenwärtigen. Bei Cordula MF wird gerade an diesen Grundlagen das thematische Meditieren organisch mit dem Methodischen verknüpft und seelische Tiefe aufgeschlossen. Es lohnt sich, mit ihr bei diesen scheinbar elementaren Dingen neu einzukehren. Das Büchlein geleitet den Leser aber auch zu Themen hin, die oft als schwierig, abgelegen, ja geradezu unerreichbar empfunden werden. Es gelingt der Autorin, subtile Vorgänge, etwa die, welche RST in „Wie erlangt ,man…“  als „Wasserprobe“ oder „Luftprobe“ beschreibt,  an den Leser so heranzubringen, dass er sie übend mit eigenen Erfahrungen verbinden kann.

Spannend ist, wie CMF diesen intim an Rudolf Steiner orientierten Übungsweg mit spirituellen Anregungen und Methoden verknüpft, die nicht aus dem anthroposophischen Traditionszusammenhang stammen. Bei Jiddu Krishnamurti holt sie sich Stärkung,  die absolute Rückhaltlosigkeit des eigenen Fragens und Findens – eigentlich ein integrales Element des anthroposophischen Ansatzes, der aber oft durch unbewusste Autoritätsbindung abgelähmt wird – stets in wacher Bereitschaft zu halten, um die Konditionierungen des Bewustseins zu durchschauen und zu überwinden. Bei Hal und Sidra Stones „Psychologie der Selbste“ findet sie praktische Handreichungen, die differenzierten  Identifikationsfiguren des Ego typologisch aufzuschlüsseln, und mit ihnen in einen inneren Dialog zu treten.

Dass ein so intim an dem Grundbuch anthroposophischen Übens orientierter Weg zugleich dezidiert andere Methoden  einbezieht, mag manche konservativ-anthroposophische Leser  zu Distanz veranlassen. Sie werden  einwenden, dass die innere Organizität der Anthroposophie sich zu solchen Amalgamen nicht eigne, und dass innerhalb des von Rudolf Steiner mitgeteilten Lehrguts alle Aspekte ohnehin angelegt seien, die da und anderswo  als scheinbare Neuerungen angeboten werden. Ob sich Organizität freilich bloß in  Selbstgenügsamkeit  bewährt, und nicht vielmehr als Kraft, die produktiv in  die Bedürfnisse der Zeit ausgreifen will, weil neue Fähigkeiten, auch neue Sprechweisen wirksam werden – diese Frage lässt sich nur am Leben selbst lösen, nicht durch weltanschauliche Grundsatzdebatten. (Was natürlich nicht ausschließt, dass Grunsätzliches im Sinne phänomenologischer Forschung debattiert werden darf und muss.)

Bei CMFs Wegbeschreibungen kommt der Eindruck eines Amalgams bei aufmerksamer Lektüre allerdings nicht auf. Es besteht aber auch kein zwingender Anlass, sich als Übender die dort erwähnten ergänzenden Methoden als solche anzueignen. Wer die Schritte nachvollzieht, die CMF beschreibt und anregt, wird sich, neben den zahlreihen positiven Einsichten und Anregungen, die eigenen Konfigurationen meditativen  Übens vor Augen führen können, sie weiter ausgestalten und sicherlich bei Gelegenheit dankbar auf dieses kleine, aber substanzielle Buch zurückgreifen wollen.

János Darvas