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A woman s descent to the sacred

“ Ich liebe dich wie eine Göttin“- flüsterte sie zu mir im Traum- während ich sie umarmte.
Die Umarmung war Einheit, Transzendenz und Segen zugleich. Als ich aufwachte fühle ich noch die Qualität dieser Geste und spüre den Worten nach…ich liebe Dich wie eine Göttin…als wärst Du eine Göttin?- nein, eher: “ ich liebe Dich wie ich eine Göttin lieben würde“.

Was soll das heissen? Dieser Moment mit einem Menschen mit dem ich „verstritten“ bin, aus dessen Leben ich gegangen bin, weil mein innerer Impuls mich dazu drängte (wie so oft) …, ein Mensch von dem ich seit Tagen träume und mich als Geist in seinen Räumen, seinem Leben bewege (bewegen muss, im Traum)….dieser Mensch und mein Menschsein haben es heute Nacht „bewirkt“, sich gegenseitig in der Art zu umarmen, zu versöhnen, sich füreinander zu bekennen. Wer ist die Göttin, in diesem Augenblick? Sie? Ich? ES?

In SOULSKIN habe ich beschrieben, wie die Göttin heimatlos geworden, herumwandert, und sich in jedem sucht, der bereit ist, ihr Heimstätte, Ausdruck zu sein. Wie liebt man die Göttin, und wie fühlt es sich an, wenn die Göttin uns liebt? Liebt durch den Mann, der mich anlächelt, durch die Freundin, die mich küsst, durch das Kind welches ihr Ausdruck ist, das rascheln der Blätter, die sanfte Berührung von Wasser an meinen Beinen beim Schwimmen…..Lange, viel zu lange haben wir sie im Mythos verbannt und ihr dadurch den Zugang zur wirklichen Welt zwischen den Menschen verwehrt. Lange waren unsere Augen dadurch blind, dass wir Bilder alter Tradtionen und Kulturen über den gegenwärtigen Augenblick ihrer Verkörperung stülpen und dabei ihr Antlitz nicht erkennen, wenn es vor uns steht: bereit, offen, schamlos. Und auch darin liegen Klischees, wie in einer der jüngeren Traditionen etwa bei Thelema in Form der Scharlachroten Frau, eine Figur der biblischen Hure Babylon aus der Tradition des magischen Tarot- auch diese Göttin, ist instrumentalisiert durch unsere Vorstellungen, unbefriedigte menschliche Bedürfnisse, männliches Triebdenken und sicherlich auch Lust der Frau an Macht. Wer ist die Göttin, wenn wir sie auf Abbildern, in merkwürdigen Ritualen neuzeitlicher Frauenrituale anrufen, in alten Reliefbildern oder gar drohender Fratzen dargestellt zb. von Kali, einer der ersten Göttin per se.

Wäre das Bild der Göttin nur ein Mythos, ein Überbleibsel alter überholter Tradition, so bliebe unerklärlich weshalb sie für so viele Frauen wie Männer faszinierend, bedrohlich und berührend bleibt. Sind die Geschichten um Avalon, die blaue Göttin vom Meer und die Ritterunden ohne jeglichen geschichtlichen Hintergrund zu verstehen, dann bleibt rätselhaft weshalb ihre Darstellungen und Aufzeichnung in Form von Romanen und Legenden so erfolgreich und vielen Menschen zugänglich bleibt. Etwas vertrautes spricht einen aus den Urbildern an, die als Mythos beschrieben werden, Rituale und Gepflogenheiten scheinen einem so vertraut, als könnte man in eine vergangene Welt hineinschlüpfen und sie wieder zum Leben erwecken.

Ich glaube fest daran, dass jede Verkörperung der Göttin welche die Welt bisher kannte in unserem Gedächtnis verankert bleibt und darunter leidet, dass wir sie verbannt halten auf ein Bild, welches wir so nach eigenem Belieben von ihr wählen -und einfordern. Was, wenn es aber nie eine Göttin gab, sondern nur die Göttlichkeit, verkörpert in Frau und Mann, ausgeprägt eben, in den jeweiligen Formen und Strukturen der jeweiligen Tradition? Was, wenn die Göttin selbst darunter leidet ein von Menschen erschaffenes Wesen zu sein, welches statt ihrer freien fliessenden Form ein reduziertes Phantasiegebilde sein zu müssen, welches Frauen vorbehalten und Männern entgegen gehalten wird?

Was, wenn die Göttin es müde ist, sich zu behaupten und entweder als schwarze Madonna oder als weisse Maria oder als rote Hure Babylon verehrt zu werden? Vielleicht ist sie auch der Verehrung müde, genauso wie ihrer Macht, die sie einsam und verlassen macht.

Ich glaube die Göttin sehnt sich, in die Poren des Fleisches zu inkarnieren und sich im gegenwärtigen Menschsein zu verkörpern.

„Ich liebe dich wie eine Göttin“- sagte die Frau zu mir, heute Nacht. Und ich umarmte sie und wir waren ein Wesen, ein Sein- zwei Menschen.

Wo ist die Göttin?
Wer ist die Göttin?

Ich koche meinen Café, schaue auf die aufgehenden Sonne und antworte mir selbst: sie ist in dem, wie ich mein Tag gestalten werde. Sie ist in der Entscheidung, so- oder so zu leben. Sie ist im Gewahrsein dass Traum und Alltag Eines sind. Sie ist die Kraft die mich bestärkt, dass es keine Trennung gibt zwischen Mythos und Mensch. Sie ist die Liebe, die mich daran glauben lässt, dass das Beste und Schönste im Menschen zu jeder Zeit möglich ist.

Und sie ist die Demut, sich dem- mit ganzem Körper, ganzer Seele, ganzem Beseeltsein- zwischen Leibern…in der Verkörperung hinzugeben, wissend, Sie, die Göttin (die es nie gab) wird nie zerstört werden.

Sie lebt. In der Idee von Leben. Zwischen zwei : Menschen. Und sie stirbt in jedem Augenblick neu, wo sie verweigert, abgewehrt, verbannt wird, im Namen der Liebe oft…in Angst vor Liebe, in der Vorstellung die trennt und der Verneinung ihres Ausdrucks. Massregelungen ersticken sie. Bedingungen nehmen ihr die Luft zu atmen. Offener Raum- bringt sie zur Blüte.

Ich habe eine Vision zu dieser Göttin, heute Morgen. Sie trägt kein bestimmtes Kleid und ihre Haare sind weder lang noch kurz. Sie ist geradezu entkleidet bar aller Vorstellungen die man sich von ihr machen könnte. Und das SIE verwandelt sich in eine Kraft die weder an mann und Frau gebunden ist. Man würde „sie“ nicht erkennen, wenn man „ihr“ begegnet und doch wird man unruhig nochmals zurück blicken, wenn durch menschliche Augen dieses Flackern einen trifft, tief, unter die Haut. Ich habe eine Vision für die Göttin im Menschen…..: Ist die Kraft der Intensionalität, SIE, führt sich selbst. Sie kennt ihre Kräfte (Menschheitskräfte) und weiss sie einzusetzen, um zu lieben und Liebe Raum zu erschaffen. Sie ist in dem Sinne eine moderne Zauberin, denn sie hat Macht durch ihre Bereitschaft zu vergeben und sie erschafft neue Wirklichkeiten in dem sie versöhnt was getrennt ist. Sie ist magisch, weil sie weder männlich noch weiblich bedingt bleibt (in sich vereint) und den Tanz geniesst, zwischen allen Formen die jeweils passende zu wählen, die dem dient, was gerade von ihr gefordert ist. Und manchmal, ist das „nur“- eine lange, tiefe Umarmung, eine endlos lange…mag es scheinen. Am meisten aber ist es der Mut den „sie“ uns gibt, nackt und roh zu sein, der Liebe zugewandt, die Ohnmacht nicht wehrend und den Schmerz allmählich wie wunderschöne Ornamente in ihre Haut gezeichnet geduldig willkommen heissen, wenn wieder, und immer wieder, die Verleugnung, die Angst, die alte Macht und das ungelöste Rätsel ihrer Verbannung (und Glorifizierung) zwischen Mensch und Menschsein wollen steht. Manchmal wirkt die Göttin am machtvollsten, wenn wir ihrem Ausdruck am stärksten Widerstehen.

„Die Entzauberung ist wunder-bar“. Menschlichkeit genügt. Und als Geschenk dargeboten, kann sie Wunder bewirken.

artwork/design: Amanda Charchian